Sonntag, 14. August 2016

Erhan A.: Tod in Syrien


Als "Shahid" gefallen: Erhan A.
Der Allgäuer Erhan A. ist offenbar tot. Mitstreiter veröffentlichten am gestrigen Abend ein Bild des 24-jährigen. Der Deutsch-Türke, der in Kempten aufwuchs, starb vor zwei Tagen bei Gefechten mit der syrischen Armee.

Der aus Bayern stammende Erhan A. ist tot. Das verkündeten mehrere Islamisten am gestrigen Samstag. Ein Bild zeigt zudem den leblosen Körper des 24-Jährigen. Nach Informationen von "Erasmus Monitor" starb Erhan A. bei heftigen Gefechten zwischen der syrischen Armee und Jihadisten-Gruppen. Wo genau A. starb ist derzeit noch strittig. Einige geben Aleppo als Ort an, andere behaupten, A. sei nahe Kinsabba in der syrischen Provinz Latakia getötet worden. Demnach traf ein Bomben-Schrapnell A. am Kopf. Laut einer Mitteilung auf dem Telegram-Kanal "Hijra Sham" sei A. im "Ribat" (Front) "in der Erfüllung seiner islamischen Pflicht [...] Shahid geworden." Einer "schlimmen Hautkrankheit" zum Trotz habe A. sich zuvor an den Kämpfen im Süden Aleppos beteiligt. 

Erhan A. reiste Mitte Mai 2015 gemeinsam mit einem weiteren Kameraden aus Bayern nach Syrien. Zuvor war er von der bayrischen Landesregierung wegen seiner Tätigkeiten als islamistischer Provokatuer und IS-Anhänger in die Türkei abgeschoben worden. Dort lebte er einige Wochen und sagte sich von der irakischen Terrorgruppe los. In Syrien schloss sich A. dem al-Qaida Ableger "Jabhat al-Nusra" an und durchlief eine militärische Ausbildung. Er arbeitete anschließend als Wachposten, Rekruter für ausreisewillige Deutsche und beteiligte sich auch an Kämpfen mit der syrischen Armee in Idlib und Aleppo.

In langen Unterhaltungen mit "Erasmus Monitor" gab Erhan A. Details zu seinem Leben als Jihadist preis (EM berichtete damals). Öffentlich propagierte er zwar ein nahezu sorgenfreies Leben in Syrien. Doch auch die Realität - tägliche Bombenangriffe, Verbrechen von verbündeten Rebellengruppen und Niederlagen - ließ er nicht aus. Als sich "Jabhat al-Nusra" zu "Jabhat Fateh al-Sham" unbenannte, sagte er: "Eigentlich ändert sich nichts für uns, denn wir haben immer noch den selben Manhaj (Weg) und ändern nicht unsere Absichten und Ziele. Wir kämpfen für Allah und nicht al-Qaida." Die Bombardements der Russen und Amerikaner hätten aber mittlerweile zugenommen. "Jetzt können Sie sehen das wir nicht aufgrund der Organisation gebombt werden, sondern wegen unseren Zielen einen (echten) islamischen Staat zu gründen."

Erhan A. galt in den vergangenen Jahren als aggressiver Propagandist des bewaffneten Jihads in Syrien. Er pflegte zahlreiche Kontakte zu mittlerweile getöteten deutschen Kämpfern, darunter David G. aus Kempten und der Mannheimer Usman A. Nach einem Interview mit der "SZ" sorgte er mit seinen extremen Äußerungen zum Islam für öffentliche Empörung in Bayern. Die Folge war die Abschiebung in die Türkei.

Mittwoch, 3. August 2016

Das Spiel mit dem Tod

Jihadist Denis Cuspert
Denis Cuspert wurde schon oft tot gesagt. Vor einigen Wochen kursierte ein Bild mit einem offensichtlich leblosen Körper des Ex-Berliners. Doch Aussagen mehrerer Quellen von "Erasmus Monitor" deuten darauf hin, dass das Foto eine Fälschung ist. 

Libyen

Unzählige Male wurde der Ex-Berliner Jihadist Denis Cuspert für tot erklärt. 2013 überlebte er als Kämpfer der tschetschenischen Rebellengruppe "Junud ash-Sham" einen verheerenden Luftangriff der syrischen Armee und lag danach lange mit schweren Kopfverletzungen in einem türkischen Krankenhaus. In den darauffolgenden zwei Jahren folgten unzählige weitere Todesmeldungen. Im Oktober letzten Jahres erklärte dann sogar das US-Außenministerium, dass der 43-Jährige durch einen Angriff der US-Luftwaffe getötet worden sei. Eine Ehefrau Cusperts,  Mitstreiter vom IS sowie deutsche Sicherheitsbehörden widersprachen gegenüber "Erasmus Monitor" den Amerikanern. Cuspert sei am Leben.

Angeblich toter Cuspert
Vor einigen Wochen begann eine neue Runde der Spekulationen. Ein Bild kursierte im Internet. Darauf zu sehen: das leblose Gesicht von Denis Cuspert. Ein syrischer Twitter-Journalist hatte das Foto veröffentlicht und behauptet, der Deutsche sei in Mossul bei einem Drohnenschlag getötet worden. Ein IS-Kontakt in der irakischen Großstadt habe ihm die Information übermittelt. Doch wie in der Vergangenheit kommentierten deutsche IS-Propagandisten die Meldung nicht.

Das Foto offenbart ohnehin eine große Ungereimtheit. Das Label "Millatu Ibrahim" wird von deutschen IS-Kämpfern schon lange nicht mehr verwendet. Die ursprünglich in Solingen beheimatete Gruppe hatte sich mit der Ausrufung des IS-Kalifats 2014 aufgelöst, ihre Mitglieder wechselten in die offiziellen Truppen des IS.

In der Szene wurde daraufhin über die Echtheit des Fotos diskutiert. Inbesondere ehemalige Weggefährten von Cuspert rätselten darüber, wie das Bild an die Öffentlichkeit gelangt war. Möglicherweise auch deswegen, weil es wohl in einer Zeit enstand, in der sich nach dem offiziellen Verbot von "Millatu Ibrahim" 2012 ehemalige Mitglieder nach und nach ins Ausland absetzten, um sich am internationalen Jihad zu beteiligen. In Gesprächen von "Erasmus Monitor" mit Personen aus dem Umfeld der Gruppe fiel in diesem Zusammenhang mehrere Male der Begriff "Libyen".

Jihad in Afrika

Nachdem Cuspert Ende Juni 2012 seinem einige Monate zuvor ausgereisten Freund Mohamed Mahmoud nach Ägypten gefolgt war, durchlief er in einem islamistischen Trainingslager in Marsa Matrouh nahe der libyischen Grenze eine Waffenausbildung. Dorthin hatten sich auch andere Anhänger des verbotenen Solinger Vereins "Millatu Ibrahim" abgesetzt, darunter der Berliner Reda Seyam sowie mehrere Jihadisten aus Bayern und NRW. Zwischen Marsa Matrouh und  den libyischen Städten Derna und Benghazi herrschte ein reger Verkehr von Waffen und Kämpfern. Auch Cuspert und Mahmoud nutzten diese Routen, um in das vom Bürgerkrieg erschütterte Land zu reisen.

Dort hielten sich die beiden wohl im Zeitraum zwischen Ende 2012 und Anfang 2013 einige Monate lang auf. In der Region Derna versuchten sie nicht nur Kontakte zum internationalen al-Qaida-Netzwerk zu knüpfen, sondern bemühten sich auch darum eine Anlaufstelle für den deutschen Jihad in Afrika aufzubauen. Ihr eigentliches Ziel war vermutlich der Norden Malis, in dem al-Qaida einen blutigen Feldzug gegen die dortige Regierung führte. Als die französische Regierung in den Konflikt eingriff, mussten die Reisepläne aufgegeben werden.

Die libyische Grenzstadt Derna galt nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi als Hochburg der Islamistengruppe "Ansar al-Sharia" und bot Cuspert und Co. zunächst einen sicheren Hafen. Die Gruppe, die während dem bewaffneten Aufstand gegen al-Gaddafi von Ägypten sowie Golfstaaten wie Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziell und logistisch unterstützt worden war, wird auch für den verheerenden Angriff auf die US-Botschaft in Benghazi im September 2012 verantwortlich gemacht, bei dem US-Botschafter Chris Stevens sowie zwei weitere Mitarbeiter starben.

Heute prominenter IS-Prediger: Turki al-Binali
Die Deutschen begegneten in Derna zahlreichen Personen, die sich in den darauffolgenden Monaten nach Syrien absetzten. Darunter waren Tunesier, Libyer und Marrokaner. Als wichtige ideologische Bezugsperson von Cuspert und vor allem Mahmouds gilt der heute als IS-Prediger bekannte Bahraini Turki al-Binali alias Abu Sufyan as-Sulami. Der ehemalige Schüler des bedeutenden al-Qaida Ideologen Sheikh Muhammad al-Maqdisi besuchte Libyen wahrscheinlich genau in dem Zeitraum (zwischen Ende 2012 und Anfang 2013), in dem sich auch die Deutschen dort aufhielten.

"Der macht ne' Menge Blödsinn"

Dass die Kontakte der Deutschen zu dem Prediger in Libyen über Internetchats hinausgingen, zeigen zwei ijazahs (Lehrbefugnisse), die der Bahraini dem heute 32-jährigen Mahmoud im Jahr 2013 ausstellte. Auch die Solidaritätsbekundungen, die al-Binali nach der Inhaftierung des deutschen Propaganda-Chefs von "Millatu Ibrahim" im März 2013 in sozialen Netzwerken veröffentlichte, legen nahe, dass es Mahmoud und Cuspert in Libyen tatsächlich gelungen war, in der internationalen Jihad-Szene Fuß zu fassen. "Er ist von den meisten meiner Geliebten, die mir gutes getan haben. Er unterstützt mich, bevor ich eine Unterstützung fordere. Er lies mich nie im Stich, selbst während seiner Gefangenschaft", schrieb al-Binali damals über Mahmoud. 

"macht ne' Menge Blödsinn": Denis Cuspert
In Libyen, so berichten es Quellen von "Erasmus Monitor", soll auch das Bild des scheinbar toten Cuspert enstanden sein, welches in den vergangenen Wochen kursierte. Es sei ein "Spaß" gewesen, den sich der 41-Jährige damals erlaubt habe. Nur ein kleiner Kreis von ehemaligen Gefährten, die dem "Shooting" Cusperts beigewohnt hätten, wüssten von dem Schwindel. Ob es für Islamisten denn nicht ungewöhnlich sei, sich über den Tod lustig zu machen? Bei "Abu Talha" müsse man sich über nichts wundern, so ein Gesprächspartner aus der militanten Szene. "Der macht ne' Menge Blödsinn und hat null Ahnung [...]".

Deshalb vermute man, dass jemand aus dem Umfeld des Ex-Rappers das "exklusive" Bild gezielt durchgestochen habe. Der Grund? "Er (Cuspert) plant vielleicht was", so ein Verdacht. Was das sein könne, wisse man aber nicht. Die Zeit Cusperts in Libyen, sie war wohl auch damals schon ein Spiel mit dem Tod.

Dienstag, 28. Juni 2016

"Kybernetiq": "Schon hat man seine neue Bedrohung"


Das von deutschen Jihadisten herausgegebene Magazin "Kybernetiq" sorgte seit seiner erstmaligen Veröffentlichung für weltweite Schlagzeilen. Der amerikanische Dienstleister für Jihadisten-Beobachtung "SITE Intelligence" schrieb das 15-seitige Blatt dem sog. Islamischen Staat (IS) zu. Viele Medien folgten dieser Darstellung. Nun kündigen die Macher eine zweite Ausgabe an - und wollen über ihre Motive Auskunft geben.

Die Macher von "Kybernetiq" kündigen eine neue Ausgabe ihres gleichnamigen Magazins an. Im Vorwort, das "Erasmus Monitor" vorliegt, kritisieren die Autoren die aus ihrer Sicht fehlerhafte Rezeption ihrer ersten Veröffentlichung (Kybernetiq No.1), die sie im Dezember vergangenen Jahres veröffentlicht hatten.

Unter dem Titel "Von werdenden Hackern und Möchtegern-Journalisten", kritisiert ein Mitglied der Redaktion namens "Brandstifter" die angeblich fehlerhafte Berichterstattung über ihr Magazin. Demnach sei im Zuge der Veröffentlichung der Eindruck enstanden, dass die Gruppe, die sich in Syrien verortet, zum IS gehöre. Dies hatte anfangs das amerikanische Dienstleistungsunternehmen  "SITE Intelligence" behauptet und laut "Brandstifter" "den Stein ins Rollen" gebracht ("Erasmus Monitor" berichtete dazu).

Zahlreiche Medien hatten über "das erste deutschsprachige Jihad-Magazin" berichtet, unter anderem die FAZ, der SPIEGEL und die Welt. Häufig wurde das Magazin als potenziell gefährlich beschrieben. Doch zur Radikalisierung von jungen Menschen eignet sich "Kybernetiq" ganz gewiss nicht. Vielmehr handelt es sich dabei um Aufklärung und Handlungsanweisungen zum Umgang mit Kommunikationssoftware, wie sich islamistisch - v.a. al-Qaida - orientierte User ausreichend vor Überwachung und Ortung schützen können. Plumpe Formulierungen, Kriegspropaganda oder Aufrufe zu Terroranschlägen fehlten in der ersten Ausgabe gänzlich im Gegensatz zur typischen IS-Propaganda.

Im Stile eines Medienkritikers repliziert "Brandstifter" im "Vorwort" den Verlauf der auch über Deutschland hinaus reichenden Berichterstattung über "Kybernetiq". "Im Zeitalter der Sozialen Netzwerke, die fast im Sekundentakt Nachrichten generieren, leidet die Wahrheit oft darunter", schreibt der Autor. In zahlreichen Ländern seien Falschmeldungen zu "Kybernetiq" von Medien übernommen worden. Diese würden Nachrichten schnell an den Konsumenten weiterreichen. "Halbwahrheiten sollten da kein Problem darstellen, zum späteren Chaos kann ja immernoch hinzugefügt werden, dass die tatsächlichen Fakten doch ein anderes Bild ergeben."

Dass das Magazin dem IS zugeordnet worden sei, könne nur damit erklärt werden, dass die Medien eine neue Bedrohung schaffen wollten. "Schon hat man seine neue Bedrohung und hält seine abgestumpfte Leserschaft auf dem Laufenden: Ein Magazin des mörderischen Islamischen Staats, der böse Hacker für den Cyberkrieg ausbildet." Auch hätten die Autoren neben der fehlenden Verbindung zum IS "nicht zur offensiven und digitalen Kriegsführung" aufgerufen, "geschweige denn Leser zu Hackern ausgebildet."

Gegenüber "Erasmus Monitor" erklärte ein Verantwortlicher von "Kybernetiq", man wolle mit der neue Ausgabe deutlich machen, "dass wir nicht irgendwo in Berlin rumhocken oder einzelne Leute sind." Für die neue Ausgabe des Magazins werden erneut Anleitungen zum "sicheren" Umgang mit Internetprogrammen wie "TOR" und Instant Messengern angekündigt. Zudem sollen Beiträge zur "Guerilla Forensik", "Steganographie" und "Smartphone Sicherheit" erscheinen. Äußerst ungewöhnlich für islamistische Literatur war im ersten Magazin die "Sci-Fi-Reihe" "Die Einheit", in der fiktive Szenarien zum Nahen Osten entworfen werden. Auch sie soll in der kommenden Ausgabe fortgeführt werden.

Freitag, 10. Juni 2016

Hamburger Asif N.: "Und du tötest so viele wie nur möglich"

Asif N.
Der Hamburger Asif N. sprengte sich im März an einem Stützpunkt der kurdischen YPG in die Luft. Nun hat der sog. "Islamische Staat" (IS) ein Video veröffentlicht, das den 20-Jährigen als "Märtyrer" feiert und Flüchtlinge zu Verrätern abstempelt.

Bisher einmaliger Fall

Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte ihn zur Fahndung ausgeschrieben. Denn Asif N. plante nach Erkenntnissen der Ermittler ein Selbstmordattentat auf ein Bundeswehr-Camp im Nordirak. Es sollte offenbar anders kommen. Mitte März, so zeigte es ein vom IS veröffentlichtes Foto, sprengte sich N. alias Abu Osama al-Almani bei al-Shaddadi in der syrischen Provinz al-Hasakah in die Luft. Nicht Bundeswehrsoldaten waren dabei das Ziel, sondern Frontkämpfer der syrisch-kurdischen Selbstverteidigungskräfte YPG.

Wie in der Vergangenheit auch, wenn Ausländer zum "Istishhadi"  werden (aufopfernder "Märtyrer"), war mit einem visuellen Nachtrag des IS zu dem 20-jährigen Hamburger zu rechnen. Und so kam es dann auch, dass die Propaganda-Abteilung Anfang Juni ein Video veröffentlichte, das die letzten Aufnahmen von Asif N. zeigén.

Verkehrte Richtungen: Flucht und Jihad
Das besondere an dem Video ist vor allem, dass es sich nicht um eine lose Aufnahme des Selbstmordattentäters handelt, der sein Testament verliest und sich anschließend in die Luft sprengt. Stattdessen übernimmt Asif N. eine Hauptrolle in einem Film, der sich einem spezifischen Thema (Flüchtlinge) widmet. Ein für deutsche Selbstmordattentäter in Syrien und Irak bisher einmaliger Fall.

Unter dem Titel "Zwischen den Reisen" nimmt die IS-Propaganda einmal mehr die Flüchtlingsbewegungen aus Syrien nach Europa in den Fokus. Ein arabischer Sprecher leitet am Anfang des Videos ein:

"Allah, der Allmächtige, sagte in seinem Buch über diejenigen, die im Land der "Mushrikin" (Polytheisten) lebten und nicht über ihre "hijra" in das Land der Muslime nachdachten:

Zu jenen, die Unrecht gegen sich selbst verübt haben, sagen die Engel, wenn sie sie abberufen: "In welchen Umständen habt ihr euch befunden?" Sie antworteten: "Wir wurden als Schwache im Lande behandelt." Da sprechen jene: "War Allahs Erde nicht weit genug für euch, dass ihr darin hättet auswandern können?" Sie sind es, deren Herberge Jahannam (Hölle) sein wird, und schlimm ist das Ende!" 

Das Zitat stammt aus dem Koran (Sure 4, 97) und wird oft von Islamisten als Rechtfertigung für den Jihad instrumentalisiert. "In diesem Vers gab Allah denjenigen keine Chance, die im Land der dreckigen Ungläubigen leben. Er sagte, dass das Land der Muslime groß genug sei für diejenigen, die Erlösung suchten", so der Sprecher weiter.

 Flüchtling "Ali"

Flüchtling "Ali"
In diesem Moment wird der erste Darsteller im Video vorgestellt. Sein Name soll Ali sein, ein Flüchtling, der laut IS einer derjenigen gewesen sei, der vom "Teufel" in das Land der "kreuzzüglerischen Ungläubigen" (Deutschland) geschickt geworden wäre. Ali, bei dem nicht ausgeschlossen werden kann, dass er vom IS für das Video zwangsrekrutiert wurde, begrüßt einen bärtigen Mann, der sich Abu Hafs der Libanese nennt und ihn "interviewen" wird.

Er habe in der ostsyrischen Stadt Deir Ezzor Jura studiert, erzählt Ali. Nachdem sich ISIS gegründet habe, sei er geflüchtet. Er habe danach geheiratet und mit seiner Frau Nachwuchs bekommen. Dann hätte er sich dazu entschieden nach Deutschland zu gehen, "dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Abu Hafs fragt Ali daraufhin: "Wenn ein Muslim die deutsche Staatsangehörigkeit will, was muss er dafür tun?"

Ali hebt entsetzt die Hände: "Du musst deine Religion aufgeben und eine Deutsche heiraten. Die Deutschen unterstützen Homosexuelle und trinken Alkohol. Es gibt keine Freitagspredigten, kein Ramadan. Ich bin nicht bereit für diese Dinge mein Land zu verlassen." Er bedaure diejenigen, die in Deutschland geblieben seien. "Was ist deine Botschaft an die Muslime, die in Deutschland, dem Land der Ungläubigen, leben?", fragt Abu Hafs.

Ali: "Kommt zurück und ersetzt Deutschland nicht mit dem Islam. Lasst nicht zu, dass eure Kinder im Land der Christen leben, wo das Christentum in sie eingepflanzt wird. Die Deutschen indoktrinieren sie mit ihren Traditionen und ihrer Religion. Ich hoffe, Allah wird die Muslime rechtleiten und lässt sie wieder hierher zurückkehren."

Geschickt leiten die IS-Propagandisten nun das nächste Kapitel im Film ein. "Die Menschen wollen nach Deutschland gehen, andere wählen die entgegengesetzte Richtung. Diejenigen werden, so Allah will, zu Mujahideen." Währenddessen werden Bilder von Flüchtlingskindern gezeigt, dann ein katholischer Priester mit einer Reliquie in den Händen.

Die Macher des Videos zeichnen ein eindeutiges Freund-Feind-Schema: Wer aus dem Kalifat flüchtet ist ein Verräter, der sich in die Hände der Ungläubigen begibt. Dass der IS neben den anderen Konfliktparteien in Syrien zur Hauptursache der Massenflucht zählt, wird natürlich gänzlich ausgeblendet. Stattdessen werden diejenigen, die sich der Organisation anschließen, als die wahren Muslime gefeiert.

"Du gehst auf den Feind zu"

"Einer von ihnen, der in das Kalifat immigrierte, ist Abu Omar al-Almani. Er verließ Deutschland und ging in das Land des Islams", wird Asif N. vorgestellt. Ein großer breitschultriger Mann mit rotem Kufiya um den Kopf gewickelt. Er sei an verschiedenen Fronten eingesetzt worden und habe als Märtyrer sterben wollen, so der IS-Sprecher im Video. N. habe Deutschland verlassen, um gegen die Kurden zu kämpfen.

"Aufgewachsen bin ich in einer römisch-katholischen Familie", erzählt der Hamburger dann selbst vor der Kamera. "Wir gingen in die Kirche und ab und zu beteten wir. Immer mehr geriet ich mit praktizierenden Muslimen in Kontakt oder zumindest mit jenen, die es versuchten. Diese belehrten mich eines besseren. Sie erzählten mir vom Islam und ich hörte es mir am Anfang zwar nur aus Trotz an, doch nach und nach, subhanallah, öffnete sich mein Herz für diese Religion."

Asif N. wird in unterschiedlichen Posen gezeigt. Mal hält er eine Kalaschnikow in der Hand und zielt in die Ferne. Dann wird er beim Spazierengehen, Essen und beim Gebet gefilmt. "Abu Omar" sei glücklich gewesen auf seiner Mission, so der arabische IS-Sprecher. "Seine Glückseligkeit war größer als die Freude, die ein Flüchtling beim Erhalt der deutschen Staatbürgerschaft empfindet. Er ging in die kurdische Region und tötete zwei Kurden und kam wieder zurück. Er war dennoch enttäuscht. Andere sind enttäuscht, wenn sie es nicht nach Europa schaffen", spielt der Sprecher erneut auf den angeblichen Verrat syrischer Flüchtlinge an.


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Asif habe sich schließlich für das Märtyrertum entschieden. "Er bereitete seine Autobombe vor. Er hinterließ eine Botschaft an seine Brüder im IS, sodass sie ihren Jihad weiterführen. Er gab sein Blut für die Sache: Den Islam zu verteidigen und die Muslime zum Sieg zu führen."

"Du gehst auf den Feind zu", sagt Asif N. grimmig in einer neuen Videosequenz. "In einem Auto oder ohne Auto. Hast nur ihn vor dir, hinter dir ist niemand. Und du tötest so viele wie nur möglich. Nicht weil sie Kurden sind, nein, sondern weil sie das Gesetz Allahs nicht akzeptieren. Wir gaben ihnen die Chance!"

Ein Video von N.'s Tat bei al-Shaddadi wurde bisher nicht veröffentlicht. Im Film wird daher ein animierter US-Humvee gezeigt, der auf ein Dorf mit einer YPG-Flagge zufährt und schließlich explodiert. Das wahrscheinliche Ende des 20-Jährigen aus Hamburg.

Montag, 6. Juni 2016

Degradiert vom Kalifen

Reda Seyam

Der Ex-Berliner Reda Seyam soll als Bildungsminister des sog. "Islamischen Staates" (IS) abgesetzt worden sein. Das berichteten irakische Medien bereits Ende 2015. Die Maßnahme weist auf wachsende Spannungen innerhalb der Führungsriege des IS hin.

Reda Seyam soll nicht mehr Bildungsminister des IS sein. Das berichtete die irakische Nachrichtenseite "Al Wasat" bereits Ende letzten Jahres. Laut einem anonymen Informanten soll Kalif und Chef des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, Seyam den Posten als Bildungsminister entzogen haben. 

Der Grund dafür: Aus den Geldhäusern des IS (auch "Bayt al-mal" genannt ) sollen mehrere Millionen US-Dollar spurlos verschwunden sein. Seyam, der im IS als "Zulqarnain" bzw. "Dhū l-Qarnain" bekannt ist, soll vom Kalifen dafür verantwortlich gemacht worden sein.

Laut "Al Wasat" herrscht  in der irakischen Provinz Ninawa seit Monaten ein großes Chaos. Zunehmende Korruption und Desertierungen führender Mitglieder des IS machten der Organisation immer mehr zu schaffen. Gleichzeitig rücken kurdische und irakische Streitkräfte weiter auf die Provinzhauptstadt Mossul vor. 

Seyam galt als einer der einflussreichsten Ideologen und Propagandisten in der deutschen Salafisten-Szene. Ihm wurden in der Vergangenheit Kontakte in die weltweite Jihadisten-Szene nachgesagt, unter anderem auch zum früheren al-Qaida-Chef Osama Bin Laden. Im Bosnien-Krieg unterstützte er die "Mujahideen" gegen die serbische Armee. Amerikanische und deutsche Sicherheitsdienste warfen ihm ebenso die Verwicklung beim Bombenattentat auf Bali im Jahr 2002 vor. Damals starben 202 Menschen, die meisten von ihnen waren westliche Touristen.

Lange Zeit lebte Seyam unbehelligt in Berlin und bezog Sozialhilfe. 2012 bzw. 2013 setzte er sich nach Syrien ab und schloss sich in der Folge dem IS an. Dort stieg er als erfahrener al-Qaida-Mann schnell in der Hierarchie auf (mehr dazu hier).