Donnerstag, 26. März 2015

IS-Kämpfer Nadir H.: Die Stimme der Wahrheit

Am vergangenen Mittwoch teilte der österreichische ISIS-Terrorist Mohamed Mahmoud via Twitter den Tod eines Schützlings von ihm mit. "Abu Bilal al Maghrebi" sei Anfang der Woche bei Kämpfen in Nordsyrien nahe der kurdischen Stadt Kobane durch einen Luftschlag der USA getötet worden. Er sei zudem derjenige gewesen, der für die Propaganda-Plattformen "Die Stimme der Wahrheit" und "Islamische Audios" verantwortlich war. Auch wenn die Djihad-Karriere von Nadir H. alias "Abu Bilal" in Syrien offenbar nur kurz währte, scheint er in Deutschland eine wichtige Rolle in der salafistischen Szene gespielt zu haben.

Radikalisierung im Umfeld von Abou Nagie

Deutscher Nader H. alias "Abu Bilal al-Maghrebi"
Unter dem Pseudonym "Stimme der Wahrheit" betrieb Nadir H. alias "Abu Bilal" auf Facebook, Twitter und Youtube mit Hunderten von "Followern" und "Abonnenten" islamistische Propaganda. Er schrieb Gedichte, veröffentlichte Tausende von Videos und kommentierte mit großem Engagement die Ereignisse in Deutschland und in Syrien. Er war Anhänger und Mitglied der ersten Stunde von Gruppen wie  Millatu Ibrahim, DawaFFM, Ansarul Aseer und Ibrahim Abou Nagies "Lies"-Projekt. 

Der kann neben dem aktuellsten Fall mit Mohammad mittlerweile auf einen beachtlichen Leichenhaufen deutscher Djihadisten aus seinem Umfeld blicken. Das BKA geht davon aus, dass über ein Viertel aller 600 deutschen Djihad-Kämpfer sich im Kreise der "Lies!"-Aktivisten radikalisierten.

Schon seit Mitte 2011 stand der gefallene Mitte-Dreißiger mit Koranen auf der Frankfurter Zeil in der Innenstadt und erklärte die Methoden, mit denen die Aktivisten von "Lies!" das deutsche Versammlungsrecht auszuhebeln versuchten. Mit dem Gestus eines Predigers warnte der Mann schon damals die "Feinde des Islams" mit dem "al-Mulk" aus dem Koran. "Und für jene, die nicht an ihren Herrn glauben, ist die Strafe der Dschahannam, und eine üble Bestimmung ist das! [...]". 

Offiziell startete Abou Nagies "Lies!"-Projekt erst 2011. Nadir H. mit den nordafrikanischen Wurzeln - so legt es zumindest sein Pseudonym nahe -, war also einer der ersten, die sich bei den Koranverteilungen beteiligten. Das Umfeld, in dem sich "Abu Bilal" bewegte, war vor allem durch Prediger beeinflusst, die im Kontext eines Konfessionskriegs in Syrien mit dem Djihad öffentlich kokettierten und/oder diesen im Untergrund aktiv unterstützten. Zahlreiche Videos des Getöteten zeigen das "Who is Who" der Prediger aus der Salafistenszene, die für seine Radikalisierung wohl verantwortlich waren:  Die Berliner Ahmad Abul Baara und Adhim Kamouss, die Frankfurter, Kölner und Bonner Kollegen Ibrahim Abou Nagie, Abu Dujana, Abu Abdullah, Abu Hamza, Abdullatif Roualli, Abu Adam und viele andere. 

Urheber von "Islamische Audios"
 
Laut Mohamed Mahmoud war H. für die Veröffentlichung von Videos der durch den damaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich im Jahr 2012 verbotenen Djihad-Plattform "Islamische Audios" verantwortlich. 

"Der Salafismus, so wie er von den heute verbotenen Vereinen vertreten wird, ist unvereinbar mit unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung. DawaFFM, Islamische Audios und An-Nussrah streben in aggressiv-kämpferischer Weise eine Veränderung unserer Gesellschaft an, bei der die Demokratie durch ein salafistisches System und der Rechtsstaat durch die Scharia ersetzt werden sollen", sagte der Innenminister damals in einer Presseerklärung.

Ein Stimmenabgleich von Videos aus Quellen des "Islamischen Audios" und der "Stimme der Wahrheit" mit Aufnahmen von Nadir H. alias "Abu Bilal" bei Koranverteilungen in Frankfurt und Höchst bestätigen Mahmouds Angaben. Auf der Plattform veröffentlichte der Frankfurter längere Texte und Gedichte, die er selbst vortrug und mit lethargischer Musik sowie eindrucksvollen Bildsequenzen umrahmte. Er erzählt von der Einsamkeit, die Fremdheit der "Dunya" in Deutschland und die Liebe.
"Wie kann Liebe in das Herz eindringen, wenn um dich herum nur Leid, Lug und Trug Alltag sind?
Wie kannst du Vertrauen schenken, wenn der Betrug ein Teil des Lebens ist?
Wie kannst du Nähe zulassen, wenn die Einsamkeit dir mehr Geborgenheit schenkt als die Menschen?
Wie kannst du jemanden das Herz öffnen, wenn er es morgen vielleicht gegen dich verwendet?
Genug hat mein Herz von der Einsamkeit und sucht nach Nähe, doch nur Einsamkeit findet es vor.
Genug hat mein Herz von Misstrauen, genug hat mein Herz davon, dich abzuweisen."
Aggressiv in sozialen Netzwerken

Vage Vorahnung?
Auf Twitter fiel Nadir H. vor allem als unterwürfiger Unterstützer Mohamed Mahmouds und mit üblen Hasstiraden auf. Geriet der Boss der salafistischen Hooligan-Truppe "Millatu Ibrahim" im Internet mit jemanden aneinander, sah sich die "Stimme der Wahrheit" schnell gezwungen, seinem Vorbild beizuspringen. Der Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke, die nach Konsultationen mit der US-Regierung auf dem Rückweg von Washington nach Berlin war, wünschte er den Absturz mit dem Flugzeug, mich verteufelte er als "Schmierfinken". "Wechsel den Beruf, schmierfinken taugen nichts doch du noch weniger." 

Wann Nadir H. nach Syrien ausreiste, ist unklar. Laut Mohamed Mahmoud sei der Freund wegen einer Knie-Operation verhindert gewesen,  sodass er später als erhofft in das Kalifat habe reisen können. Möglicherweise war H. Monate zuvor mit einer deutschen Hilfsorganisation in der syrischen Provinz Lattakia unterwegs, das legen Äußerungen von ihm in einem Video auf seinem Youtube-Kanal nahe. 

Am 14. März hatte die "Stimme der Wahrheit" ein letztes Video veröffentlicht. "Mit Sehnsucht sehe ich in die Ferne und mit Abscheu blicke ich nun zurück.", kündigte der Frankfurter indirekt seine Reise ins Kalifat an. Einen Tag später bereits - er könnte zuvor erfahren haben, dass er als Kämpfer im umkämpften Kobane eingesetzt werden würde - schrieb Mohammad ahnungsvoll: "Und vielleicht schon morgen werde ich meinem Herren begegnen....". Wenige Tage darauf starb er vermutlich im Bombenhagel.

Nachtrag: Nadir H. alias 'Abu Bilal al Maghrebi' ist offensichtlich Urheber eines Videos gewesen, das Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert gemeinsam in Syrien dabei zeigt, wie diese Süßigkeiten an Kinder verteilen. Dies erklärt somit auch, warum "Die Stimme der Wahrheit", unter dessen H. im Internet unterwegs war, als erste Quelle das Video verbreitete.