Montag, 6. April 2015

Reda Seyam: Der Girolamo des Islamischen Staates



Er gehörte zu den am meist überbewachten Zielpersonen der deutschen Geheimdienste und doch entwischte er: Der Deutsch-Ägypter Reda Seyam reiste über Umwege zum Islamischen Staat und ist seitdem offizieller Bildungsminister der sunnitischen Terrororganisation. Tot oder lebendig: Der Berliner Islamist ist Drahtzieher des zerstörerischen Feldzugs des IS gegen die syrisch-irakische Kulturgeschichte.

Im Land der "Kuffar"

In Berlin führte Reda Seyam mit seiner zweiten Ehefrau und seinen sieben Kindern ein angenehmes Leben. Mit monatlich über 2300 Euro Hartz-IV ließ es sich auch gut im Land der "Kuffar" aushalten. Als Vorsitzender der As-Sahaba-Moschee im Berliner Wedding gewährte ihm der verhasste Staat sogar weiterhin die Freiheit Muslime wie die Konvertiten Florian L. oder Denis Cuspert für das radikal-islamistische Lager zu rekrutieren. Und doch trieb es Reda Seyam Mitte 2012 nach Aufenthalten in Bosnien, Saudi-Arabien und Indonesien wieder ins Ausland. Das Ziel: Syrien.

Über die Zwischenstation Ägypten flog er zunächst in die Türkei. In der Grenzstadt Reyhanli im Süden der Provinz Hatay, richtete er nach Angaben des BND eine Art Sammelstelle für deutsche Djihadisten ein, um diese nach Syrien einzuschleußen. Möglicherweise war Seyam einige Zeit auch für die Koordinierung bei der Verteilung von Gütern salafistischer Hilfsorganisationen aus Deutschland mitverantwortlich. 

Als Kameramann in den Djihad

Im Frühjahr 2013 reiste Seyam dann als Kameramann des katarischen Fernsehsenders al-Jazeera durch die syrischen Provinzen Aleppo, Idlib und Lattakia. Bereits Anfang der 2000er Jahre hatte er bei dem Sender mehrere Praktika für die Kameraarbeit absolviert. 

Als im August 2013 eine Koalition bestehend aus syrischen und ausländischen Djihadisten von ISIS, Ahrar al Sham, FSA, Nusra Front und Jaish al-Muhajireen wal-ansar unter Führung des Libyer Abu Suhaib ins alawitische Kernland am Mittelmeer einfiel, sah man auch Reda Seyam mit Kamera und Stativ im Anhang der brutalen Terrorgruppen. 

Seyam und Fadel in syr. Provinz Lattakia
Mit dem syrischen "Oppositionsaktivisten" und Mitglied der Syrian Revolution General Commission, Milad Fadel, der seine Propaganda über das Doha Centre for Media Freedom direkt auf al-Jazeera verbreiten durfte, berichtete Seyam über den Vormarsch der Djihadisten in Lattakia. Dass diese dann nahe der Heimatstadt des ehemaligen Diktators Hafez al-Assad, Qardahah, hunderte alawitische Zivilisten ermordeten und weitere 200 Menschen als Geiseln nahmen, unterschlug der katarische Nachrichtensender in seiner Berichterstattung jedoch. 

„Diese Operation war eine koordinierte und geplante Attacke gegen die Zivilbevölkerung dieser alawitischen Dörfer.", schrieb Human Rights Watch (HRW) später in einem über 100-seitigen Ermittlungsbericht über die Kriegsverbrechen der Opposition. Es gibt keine Beweise, dass Reda Seyam bei den Massenexekutionen mit seiner Kamera dabei gewesen sein könnte, doch wer ihn kennt, weiß, dass er schon im Bosnien-Krieg keine Scheu davor hatte, Kriegsverbrechen der Mujahedin zu filmen und propagandistisch zu inszenieren.

Der Islamische Staat entsteht

Bereits im März 2013 hatten vor allem Speerspitzen von al-Baghdadis Terrorgruppen aus der irakischen Provinz Anbaar die ostsyrische Provinzhauptstadt Raqqa mit einem Überraschungsangriff aus der Wüste unter ihre Kontrolle gebracht. Nach internen Kämpfen zwischen ISIS und überrumpelten syrischen Djihadisten in der Stadt, etablierten die späteren Daesh-Truppen einen Gottesstaat im Osten Syriens.

Was Seyam in dieser Zeit tat, ist unbekannt. Womöglich kehrte er für einige Zeit nach Reyhanli zurück, jedoch hatte er bereits zu diesem Zeitpunkt wohl enge Kontakte zu Führungskadern der ISIS und anderen später zur Terrorgruppe desertierten Personen geknüpft. Spätestens als im Juni 2014 sunnitische Milizen mit reichlich Kampferfahrung aus Ostsyrien in die irakische Großstadt Mossul einfielen und al-Baghdadi zum Kalifen über Syrien und Irak ausriefen, reiste Seyam in das Herrschaftsgebiet des Islamischen Staates (IS).

"Zulqarnayn"

Schon im Juli und August tauchten Berichte über eine umfassende "Bildungsreform" für das Herrschaftsgebiet des IS auf.  Der syrische Geheimdienst meldete daraufhin, dass ein neuer Mann namens "Zulqarnayn" in der Hierarchie des IS aufgestiegen sei, dessen Name an eine prophetische Figur aus dem Koran erinnerte.

Es war niemand anderes als der Berliner Reda Seyam. 

Seyam stellt Bildungsreform in Mossul vor
In einem Rundschreiben an alle Bildungseinrichtungen in Raqqa  stellte dieser als neuer Chef der "Bildungsdirektion des islamischen Staates" einen neuen verbindlichen Lehrplan auf. Vor allem Unterrichtsbereiche wie Musik, Sozialpädagogik, Geschichte, Kunst, Sport, christlich-philosophische Fragen, Psychologie und der bisherige islamische Religionsunterricht seien nicht mehr Teil der Ausbildung. Das Bildungsminsterium der Arabischen Republik Syriens sei vollständig aufzulösen, so "Zulqarnayn". Alle Bilder, die nicht mit dem islamischen Recht zu vereinbaren seien, sollten zerstört,  die syrische Nationalhymne aus dem Gedächtnis getilgt werden. Der Glaube an den "wahren" Islam und den IS sollten den panarabischen Patriotismus und Nationalismus ersetzen. "Löschen sie alle Formeln der Mathematik und Ideen der Demokratie oder Wahlen sowie die Wissenschaftstheorien Darwins. Ribā (Zinsen) und Wucherzinsen sind verboten.", so der Befehl.

Die Anordnungen durch Reda Seyam waren nur der Anfang einer ungeheuerlichen Zerstörungswut. Mit den Reformen manifestierte Seyam zudem die Ambitionen der irakischen Führungsleute einen wahabitischen Staat zwischen Irak und Syrien zu etablieren. Wohl schnell holte al-Baghdadi den 55-jährigen zu sich nach Mossul und ernannte ihn zum federführenden Leiter der "Bildungseinrichtungen" im IS.

Mit dem Shuttlebus durch Mossul

Bildungspläne des "Zulqarnayns"
Als Reda Seyam sein Amt in Mossul antrat, kannte ihn kaum jemand in der Stadt. In irakischen Zeitungen wurde von einem großen und starken Mann mit einem langen Vollbart berichtet. Sein ägyptisch-arabischer Akzent sei zudem Beobachtern aufgefallen. Mossuler Bürgern gegenüber soll "Zulqarnayn" gesagt haben: "Ich mag keine Büroarbeit und bin eigentlich für den Djihad hierher gekommen." Wie viele von ihnen, müsse auch er sich an die neue Realität eines Islamischen Staates gewöhnen. Um die Menschen selbst mit dieser "Realität" vertraut zu machen, fuhr Seyam regelmäßig mit einem Shuttlebus durch Mossul und erläuterte den interessierten Passagieren seine Reformpläne.
In der Großstadt fielen sämtliche Bildungseinrichtungen in Seyams Aufgabenbereich. Im Visier hatte er insbesondere die Mossuler Universität. So wies er zunächst die Schließung der Fakultäten für Rechts- und Politikwissenschaft sowie für Bildende Kunst an. Der Bildungsplan für Islamwissenschaften und andere Lehrgänge wurde grundlegend verändert. Genauso wurde die strikte Geschlechtertrennung an den Hochschulen und Instituten eingeführt. Die Einrichtungen wurden angewiesen Männer und Frauen im Wechselmodus zu unterrichten. Die Studenten litten vor allem daran, dass Seyam befahl, Lehrthemen der Nationalgeschichte zu streichen und alle „Verweise“ auf die Heimat zu zerstören.

Reformen der Zerstörung

Zerstörungswut des IS
Anfang des Jahres 2015 für tot erklärt, mischt Seyam höchstwahrscheinlich weiterhin als Bildungsminister im Irak und Syrien mit, auch wenn er heute aus Angst vor gezielten Luftschlägen wohl nicht immer in Mossul weilt. 
Die IS-Schergen führen seine "Bildungspläne" aber weiterhin verlässlich aus: mit Bücherverbrennungen, Vorschlaghammern im Ninive Museum und Planierraupen in Nimrud setzen die Terroristen alles daran, die Erinnerung und damit die Geschichte des Iraks auszulöschen. Jeder, der sich ihnen in den Weg stellt, wird getötet.

Auch die Angst vor Reda Seyam alias „Zulqarnayn“ wächst. Lehrer und Professoren wagen es aus Todesangst nicht, dessen Befehle zu ignorieren. Im Februar dieses Jahres trat die neueste Reform des Ex-Berliners in Kraft. Ab einem Alter von zehn Jahren müssen alle Jungen eine Uniform tragen,  Mädchen sollen sich bereits ab dem 6. Lebensjahr unter einem Hijab verstecken. Wie die „Syrische Beobachtungstelle für Menschenrechte“ kürzlich berichtete, seien die Eltern dazu gezwungen worden, Verpflichtungen zu unterschreiben, ihre Kinder zur Schule zu schicken und dem panarabischen Nationalismus abzuschwören. Daesh plant zudem die Gründung von jeweils zwölf Privatschulen für Männer und Frauen.

Sie sollen Namen tragen wie „Hittin“, "Abdullah Ibn Masud“ und „Abu Mussab al-Sarkawi“.