Freitag, 29. Mai 2015

Obdachlos und geistig behindert: Freiburger beging Selbstmordattentat



Vor zwei Wochen sprengte sich im Irak erneut ein deutscher IS-Kämpfer in die Luft. „Abu Muhammad al Almani“ habe für die Terrorgruppe westlich der ölreichen Stadt Baiji eine „Märtyrer-Operation“ durchgeführt, verbreiteten damals IS-Kanäle in sozialen Netzwerken. Nun ist klar: Es handelt sich um Yannik Pipiorka aus Freiburg im Breisgau. Er war geistig behindert und obdachlos.

Begegnung in der Türkei

Schüchtern, verängstigt und nervös: so sei Yannik Pipiorka gewesen, als ihn im letzten Jahr der Auslandskorrespondent der „Welt“, Alfred Hackensberger, in einem Hotel im türkischen Sanliurfa traf. Das T-Shirt und die Jeans des 23-jährigen Freiburgers seien löchrig und schmutzig gewesen. Als Rucksacktourist habe Yannik durchgehen können. Hackensberger und zwei weitere Journalisten trafen ihn in einem Foyer eines Hotels, in dem viele Djihadisten vor ihrer Einreise nach Syrien einchecken. Damals wussten die Journalisten noch nicht, um wen es sich handelte.

Mittlerweile hat das LKA Baden Württemberg Yanniks Identität bestätigen können. "Wir können mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit sagen, dass es der junge Mann aus Freiburg ist", so ein Sprecher der Polizei.

Das Hotel in der Türkei war für Yannik die letzte Etappe auf seinem Weg zum Islamischen Staat (IS). Er mache in der grenznahen Stadt Urlaub, log er im Gespräch mit den Journalisten. „Freunde besuchen“. Doch der Freiburger, der als geistig unterentwickelt galt, war auf einer Mission ohne Rückkehr, auf die ihn mutmaßlich Hintermänner aus dem Umfeld der Abdurrahman-Moschee im Freiburger Stadtteil Herdern geschickt hatten. Sogar sein Busticket hatten diese für den Deutschen bezahlt.
Lächelnd in den Tod: Yannik Pipiorka

Denn allein hätte Yannik, der polnische Wurzeln hatte, die große Reise aus dem beschaulichen Freiburg in die ferne Türkei nicht finanzieren können. Jahrelang streifte der junge Mann als Obdachloser durch die Freiburger Innenstadt, schlief auf Parkbänken und in Einkaufspassagen. Die soziale Einrichtung „Freiburger Straßenschule“ kümmerte sich um Yannik bis zu seinem plötzlichem Abtauchen im Sommer 2014.

Yannik "radikalisierte" sich offenbar in nur wenigen Monaten. Dass der junge Mann die salafistische Ideologie nur ansatzweise verstanden hatte, ist stark zu bezweifeln.  „Es ging alles rasend schnell“, zitiert die „Badische Zeitung“ eine Freundin des Getöteten. Vermutlich wurde Yannik in der Freiburger Innenstadt von Salafisten angesprochen und in die Szene reingezogen. Denn der Obdachlose habe schon immer nach Liebe und Geborgenheit gesucht. Diese Sehnsucht, die bei vielen Rekruten zu beobachten ist, boten ihm offenbar die Salafisten mithilfe ihrer perfiden Rekrutierungsstrategie.

"Keine Ahnung vom Islam"

Der Journalist Cesur Milsuoy, der neben Alfred Hackensberger Yannik in dem Hotel in Urfa traf, berichtete "Erasmus Monitor", dass der Freiburger offensichtlich nicht verstand, warum er sich zum Djihad aufgemacht hatte. Als die Journalisten ihn an dessen Hotelzimmer trafen, habe Yannik andauernd lachen müssen.

Nicht einmal den "Anschein von Radikalisierung" hätte Yannik gezeigt. Alles was er habe sagen können war "Salam aleikum". Er habe keine Ahnung vom Islam gehabt. "Wir haben zusammen eine geraucht, das Bier hat er abgelehnt, weil es zu spät war", so Milsuoy. Der Journalist hatte den Eindruck, dass Yannik Drogen konsumiert habe, was aber wohl auf die geistige Unreife des Mannes zurückzuführen war. Nach Angaben des LKA hatte er jedoch in der Vergangenheit bereits mit Drogenmissbrauch zu tun gehabt. Yannik erzählte Milsuoy , er möge Rap-Musik, "Kool Savas usw.".

Sozialarbeiter in Freiburg beobachteten Yanniks Verhaltensänderung im Sommer 2014 und versuchten vergeblich ihn von seinem Weg abzubringen. Geschockt reagieren nun viele Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer auf den Tod von Yannik. „Da haben Leute einen geistig behinderten Mann in krimineller Absicht in den Tod geschickt“, äußerte sich eine Sozialarbeiterin auf Nachfrage, die anonym bleiben wollte.

Von der Türkei aus reiste Yannik wahrscheinlich mithilfe von Schleusern (er soll von einem Araber und einem Kurden in Sanliurfa berichtet haben) über den syrischen Grenzübergang Tel Abyad nach Syrien ein und ließ sich dort durch den IS in einem Trainingslager zum Kämpfer ausbilden. Für die Terroristen des IS war jemand wie Yannik, unbeholfen und nach Anleitung suchend, der ideale Selbstmordattentäter. Im Irak nahm er zunächst an Kämpfen gegen die irakische Armee teil.

Vor anderthalb Wochen dann die letzte Mission des Freiburgers:  Mit einem gepanzerten Auto, vollgepackt mit 1,5 Tonnen Sprengstoff, raste er in einen Militärcheckpoint östlich von Baiji und sprengte sich in die Luft. Auch in jenem Moment hatte der Deutsche wohl sein kindliches Lächeln im Gesicht.