Dienstag, 9. Juni 2015

Tod im Irak: Wie ein Journalist einem deutschen Selbstmordattentäter begegnete


Der Freiburger Yannik Pipiorka sprengte sich im Mai für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in die Luft. Noch müssen Sicherheitsbehörden rekonstruieren, wie der junge Mann zum Attentäter wurde. Was fest steht: Der 23-Jährige reiste bereits im Herbst 2015 mit dem Bus in die türkische Stadt Sanliurfa nahe der syrischen Grenze. Im Hotel „Edessa“ checkte Yannik für einige Nächte ein. Dort trafen ihn zufällig mehrere Journalisten aus Deutschland. Einer von ihnen war der deutsch-kurdische Journalist Cesur Milsuoy. Schon damals ahnte dieser, dass mit Yannik etwas nicht stimmte. Ein Gespräch mit „Erasmus Monitor“.

„Erasmus Monitor“: Herr, Milsuoy, wie kam es zu ihrem Aufeinandertreffen mit Yannik Pipiorka?

Milsuoy: Ich und mehrere Journalisten berichteten im Oktober 2014 für die Tageszeitung „Die Welt“ über den drohenden Fall der kurdischen Grenzstadt Kobane in Nordsyrien. Die USA hatten gerade damit begonnen Luftangriffe gegen den IS zu fliegen. Nachdem unsere Recherchen abgeschlossen waren, wohnten wir für mehrere Tage im Hotel „Edessa“ in Sanliurfa. Am Nachmittag unseres letzten Tages in der Stadt, sah ich Yannik in der Hotellobby zum ersten Mal, wie er auf der Terrasse stand. Er fiel mir und meinen Kollegen sofort auf.

„Erasmus Monitor“: Was geschah dann?

Milsuoy: Später am Abend gab es dann einen lauten Knall. Der Strom im Hotel war ausgefallen. Yannik, dessen Name ich vom Hotelportier genannt bekommen habe, hatte nach dem Knall sein Zimmer verlassen und kam zu uns Journalisten in die Lobby herunter. Er sah durch den Lärm verängstigt aus. Wir kamen dann gegen 23 Uhr ins Gespräch.

„Erasmus Monitor“: Welchen ersten Eindruck hatten sie von Yannik?

Milsuoy: Er entsprach so gar nicht dem Typus des radikalen Salafisten. Das sah man bereits an seiner Kleidung. Auf dem Kopf hatte er ein Cappy, wie man sie aus der HipHop-Szene kennt. Dazu trug er Sneekers, eine lange Baggyhose, und ein langes T-shirt. Er war rasiert und trug eine Brille, die auch auf den Bildern kurz vor seinem Tod zu sehen ist. Er hatte kein Handy bei sich und auch beim Portier hatte er keinen Ausweis hinterlegt.

Yannik wirkte unsicher. Er wollte sich aber offenkundig mit uns unterhalten. Wir haben mehrere Zigaretten zusammen geraucht, das Bier lehnte er ab, weil er angeblich zu müde war. Mit dem salafistischen Lifestyle hatte er offenbar also wenig zu tun. Szenefloskeln wie „Akhi“ (Bruder) oder ähnliches fehlten bei ihm. Alles was er auf Arabisch sagen konnte, war der Gruß „Salam aleikum“.

„Erasmus Monitor“: Worüber haben sie sich mit ihm unterhalten?

Milsuoy: Wir unterhielten uns mehrere Stunden lang über alle möglichen Dinge. Yannik erzählte uns, dass er polnische Wurzeln hatte. Auch sagte er, dass er aus Freiburg käme und dort eine Ausbildung zum Tischler gemacht hat. Er sei mit dem Bus über Bulgarien und Athen in die Türkei gereist. In Sanliurfa wollte er Urlaub machen und Freunde besuchen. Jedoch habe er vorher sein Hotel in der Stadt gewechselt, weil es ihm nicht gefallen hätte. Seinen Freunden wollte er nicht zur Last fallen wegen deren Ehefrauen.

„Erasmus Monitor“: Haben sie ihm das geglaubt?

Milsuoy: Nein, ich ahnte von Anfang an, dass Yannik kein gewöhnlicher Tourist war. In Sanliurfa gibt es nicht viel zu sehen. Somit war klar, dass Yannik hier nicht her gehörte. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass er mit seiner unsicheren Art ein typisches Opfer für die IS-Terroristen darstellte, sich für diese in die Luft zu sprengen. Ich hatte insgesamt den Eindruck, dass er nicht einmal wusste, warum er hier war. Wir haben über den Krieg in Syrien gesprochen. Yannik schien nicht einmal zu wissen, was dort passiert. Er sagte allenfalls: „Krieg ist schlimm“.

„Erasmus Monitor“: Worauf führen sie dieses Verhalten zurück?

Milsuoy: Yannik wirkte geistig nicht gesund. Auch habe ich eine Drogenvergangenheit vermutet. Er hatte ein sehr kindliches Lachen. Er lachte ständig, auch über Dinge, die nicht wirklich lustig waren. In der Nacht kam ich beim Getränke holen an seinem Zimmer vorbei. Anhand der Geräusche, die nach außen gedrungen sind, schloss ich, dass er sich eine türkische Kindersendung ansah. Dabei hörte ich andauernd Yanniks markantes Kichern. Verwundert hat mich auch seine Reaktion, als es während unseres Gesprächs zu einem zweiten Stromausfall kam. Yannik sprang völlig verängstigt von seinem Stuhl auf und wollte sich schnell verabschieden.

„Erasmus Monitor“: Wie ging es dann nach dem Gespräch weiter?

Milsuoy: Wir unterhielten uns noch über Frauen. Yannik sagte, er möge Frauen. Um mehr Zugang zu ihm zu erhalten, machte ich ihm den Vorschlag uns gemeinsam am nächsten Tag die Innenstadt von Sanliurfa anzusehen und nach Frauen Ausschau zu halten. Doch daraus wurde nichts, da ich und meine Kollegen beschlossen am frühen Morgen abzureisen. Yannik berichtete noch, dass ihn ein Araber und ein Kurde am nächsten Tag vor dem Hotel abholen würden. Laut Hotelbetreiber wurde er später tatsächlich von zwei unscheinbar aussehenden Männern abgeholt.

„Erasmus Monitor“: Haben sie jemanden über ihren Verdacht in Kenntnis gesetzt?

Milsuoy: In der Tat. Ich habe noch am gleichen Abend unseres Gesprächs beim Auswärtigen Amt angerufen. Doch niemand ging ans Telefon. Möglicherweise hätten das Konsulat und die Behörden Yannik noch aufhalten können. Vielleicht hätte man so sein Leben und das vieler anderer, die durch seinen Anschlag getötet wurden, retten können.