Sonntag, 19. Juli 2015

„Was können wir daraus lernen?“ (1)



Die salafistische Szene in Deutschland wächst rasant. Laut Verfassungsschutz verdreifachte sich die Zahl der Islamisten zwischen 2011 und 2015 von 3800 auf ca. 7500 Personen. Vor allem auf Jugendliche haben es Prediger und Rekrutierer abgesehen. Für Pädagogen und Sozialarbeiter werden damit die Herausforderungen in Zukunft noch größer.


Allein und verloren

Yannick Pipiorka war erst 23 Jahre alt, als er sich entschloss für den „Islamischen Staat“ (IS) zu sterben. Mit einem erbeuteten US-Humvee, vollgepackt mit 1,5 Tonnen Sprengstoff, raste er vor mehreren Wochen in einen Militärcheckpoint der irakischen Armee und riss dutzende Menschen mit in den Tod. Später veröffentlichten Propagandastellen des IS ein Foto von „Abu Muhammad al Almani“ (der Deutsche), auf dem Yannick mit Baskenmütze auf dem Kopf und verlegenem Lächeln zu sehen ist.

In Freiburg, wo der junge Mann zuletzt lebte, reagierten viele Menschen schockiert auf seine Tat. Denn der Deutsche mit polnischen Wurzeln war kein Salafist, der sich über einen längeren Zeitraum systematisch radikalisierte. Er war niemand, der in die Moschee ging und sich von einem Prediger beeinflussen ließ. Stattdessen streifte Yannick lange Zeit als Obdachloser durch die Freiburger Innenstadt. Er fühlte sich verloren und hatte nur wenige Freunde. Zu den Eltern war der Kontakt schon lange abgebrochen. Nach was sich der gelernte Tischler sehnte, war Geborgenheit und eine Gemeinschaft, die ihn so annahm, wie er war. Warum aber schloss er sich ausgerechnet den Islamisten an?

Nach Antworten auf diese Frage suchen auch diejenigen, die Yannick vor dessen Verschwinden über mehrere Monate lang begleitet haben. Darunter ist die Obdachlosen-Hilfe „Freiburger Straßenschule“. Mit einem Kleinbus, dem „Streetmobil“, fahren Sozialarbeiter der Einrichtung einmal wöchentlich durch die Freiburger Innenstadt und bieten jungen Menschen mit „Lebensmittelpunkt Straße“ Beratung und Hilfe an.

Das "Streetmobil" (Bild: Freiburger Straßenschule)
„Aufsuchende Arbeit“ nennt das Karin Schäfer, Leiterin des SOS-Kinderdorfs Schwarzwald. Sie weiß um die Brisanz von Yannicks Schicksal. Sie und ihre Mitarbeiter seien noch in einer Zeit der Aufarbeitung, so Schäfer gegenüber "Erasmus Monitor". Über dreihundert Menschen betreue die „Straßenschule“. Es sei nahezu unmöglich das Leben jedes Einzelnen genau zu verfolgen. Allgemein biete die Einrichtung den Obdachlosen zunächst „rudimentäre Kontaktangebote“. Erst im Laufe der Zeit öffneten sich viele der Betroffenen und seien bereit Hilfe anzunehmen wie zum Beispiel bei Behördengängen, Arztbesuchen und der Entwicklung eigener Zukunftspläne.

Behauptungen seitens einiger Journalisten, dass Obdachlose wie Yannick oder auch "elternlose Jugendliche" neuerdings besonders gefährdet seien durch Salafisten rekrutiert zu werden, bezweifelt Schäfer. In Freiburg habe man noch nie mit solchen Leuten zu tun gehabt. Der Prozess einer Radikalisierung, so ihre Einschätzung, sei viel komplexer und hänge empirisch gesehen nur geringfügig von den Lebensläufen der Betroffenen ab. „Es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass alle sozialen Schichten betrifft“. Damit hat Schäfer nicht unrecht. Denn nimmt man die Zahlen der Sicherheitsbehörden als Grundlage, verfügt ein nicht unwesentlicher Teil der deutschen Djihadisten über mittlere und höhere Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse.

„Doch was können wir daraus lernen?“, fragt sie mit Blick auf Yannicks Schicksal. Pädagogen müssten in Zukunft noch genauer hinschauen. Zudem müssten Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen religiösen Extremismus genauer erforschen und geeignete Präventionsstrategien in die Lehre integrieren. Denn folgt man den Erkenntnissen von Verfassungsschutz und BKA, erkennen Lehrer und Sozialarbeiter nur sehr selten die Anzeichen einer Radikalisierung.

Das Thema verschlafen

„Die Ausbildung angehender Pädagogen zum Thema Salafismus und Radikalisierung ist in der Tat: Null – nada!“, bestätigt Dr. Christine Huth-Hildebrandt indirekt Schäfers Aussagen. Sie ist Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit der Frankfurt University of Applied Sciences. Zwar gäbe es durchaus gute Konzepte im Kampf gegen Radikalisierung, so die Forscherin, doch sei das Thema in der akademischen Ausbildung bisher verschlafen worden. „Ich habe manchmal den Eindruck, dass Pädagogen versuchen, Präventions- und Resozialisierungsprogramme für Rechtsradikale einfach auf diese Zielgruppe umzustricken.“ Der Nutzen solcher Strategien sei für sie jedoch fraglich.

Christine Huth-Hildebrandt
Huth-Hildebrandt ist Workaholic aus Leidenschaft und beobachtet parallel zu ihrer Lehrtätigkeit die Aktivitäten und Rekrutierungsstrategien in der Salafismusszene. Ihre bisherige Erkenntnis: Vor allem in der Jugendarbeit besteht ein dringender Handlungsbedarf. Im Fokus müssten besonders auch diejenigen stehen, die noch nicht in die Szene abgerutscht seien. Die Interessen und Fähigkeiten von Jugendlichen seien in der Vergangenheit vernachlässigt worden. Man müsse ihnen mehr zuhören und nicht nur berufliche sondern besonders auch persönliche Entfaltungsräume anbieten.

Die zunehmende Verlagerung des sozialen Lebens ins Internet stellt dabei eine besondere Herausforderung für Pädagogen dar. Dort verfügen Salafisten mittlerweile über ein hochprofessionelles Propaganda-Netzwerk, das insbesondere das junge Publikum ansprechen soll. Verstörte Studenten berichteten der Professorin, dass sich bereits zehnjährige Kinder während der Hausaufgabenhilfe Propaganda- und Gewaltvideos auf ihrem Smartphone anschauten. „Abenteuer wie in einem Computerspiel“ sei das heutzutage für die Jugend, so Huth-Hildebrandt.

Versteckte Botschaften

Nicht nur salafistische Propagandaseiten wie "Die Wahre Religion" sollten im Fokus potenzieller Radikalisierungsquellen stehen. Auch harmlosere Spaßangebote im Internet können durch versteckte politische oder religiöse Botschaften bereits ein Gefährungspotenzial zum Einstieg in die Szene bieten.

Ein Beispiel ist Mohamed Satiane, genannt auch "MomoNews". Der 18-Jährige Frankfurter ist zu einer Art Teenie-Star auf der Kontaktplattform "Facebook" geworden und zählt mittlerweile über eine halbe Million Fans. Mit ulkigen und pubertären Slapstick-Einlagen zieht er die Aufmerksamkeit von vielen Kindern und Jugendlichen auf sich.

Screenshot (Facebook):Mohamed Satiane mit "Free Gaza"-Shirt
Doch bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass sich der junge Mann in zweifelhafter Gesellschaft befindet. Enge Freunde von ihm wie Illias K. gehören zur Frankfurter Salafisten-Szene, die bekannt ist für ihre militante Ausrichtung. Satiane selbst verteilte  vor anderthalb Jahren für die "Lies!"-Aktion Korane in der Innenstadt der Finanzmetropole. Ein auf Youtube hochgeladenes Video über die damalige Verteilaktion warb lange Zeit gezielt mit seinem "Künstlernamen". Ahnungslose Fans, die ihren Schwarm auf Youtube suchten, gelangten so direkt auf die Propagandaplattformen der Salafisten. Satiane und sein Management bestreiten vehement gegenüber "Erasmus Monitor", etwas mit Salafisten zu tun zu haben. "Wir sind aus allen Wolken gefallen, als wir gesehen haben, dass die Islamisten Mohamed für ihre Propaganda missbrauchen", berichtet Satianes Manager.

Leute hätten den 18-Jährigen über Facebook angeschrieben und darum gebeten für "einen guten Zweck" zu werben. Mit Modeaccecssoires wie "Free Gaza"-T-Shirts, die von Gangsterrapper Sadiq Zadran entworfen wurden und der selbst als Zugpferd der deutschen Salafisten gilt, versuchten die Islamisten über Satiane religiöse und politische Botschaften auf seiner Facebook-Seite zu platzieren.

Der polarisierende Nah-Ost-Konflikts dient den Islamisten schon lange als viel versprechender Andockpunkt die primär muslimische Jugend zu mobilisieren. Statt reflektierte Auseinandersetzungen sind meist antisemitische Ressentiments und ethnisch-religiöse Abgrenzungen die Folge. Satiane löschte später die entsprechenden Facebook-Einträge wieder. "Wir kannten den Hintergrund von Sadiq nicht und werden in Zukunft solche Einflussversuche nicht mehr dulden", stellte sein Manager klar.

Vor allem über die HipHop-Szene versuchen Salafisten seit Jahren, die Zielgruppen im Internet zu erreichen. Underground-Rapper wie Sadiq, die nicht bei den Majorlabels unter Vertrag stehen, geben sich immer wieder dafür her, in Liedern und Musikvideos mit provokanten Aussagen die Protest-affine Jugend sowohl als Käufer ihrer Platten, als auch für die Salafismus-Szene zu gewinnen.

"Wir müssen uns die Jugendlichen zurückerobern"


Wie aber sollen Pädagogen in Schulen und sozialen Einrichtungen auf solche Herausforderungen reagieren? „Wir müssen uns die Jugendlichen zurückerobern“, fordert Christine Huth-Hildebrandt energisch. Kindern und Jugendlichen müssten spannende Freizeitaktivitäten geboten werden, die an die Internetkompetenz der Jugendlichen andockten und zugleich deren Sozialkompetenzen stärkten. 

Symbolbild: "Lasertag"
Sie selbst entwickelte für Bad Vilbel bei Frankfurt ein Konzept virtueller Streetwork - die Plattform "BVSMARTS", auf der Jugendliche für ihre Altersgenossen Angebote entwickeln und öffentlich machen können, um so Interessierte über das Internet für sich zu gewinnen. Huth-Hildebrandt hat auch keine Berührungsängste vor Spiel- und Sportangeboten, wie sie von "Lasertag Deutschland" angeboten werden, die Teamfähigkeit sowie Taktik- und Reaktionsfähigkeiten der jungen Menschen fördern sollen, von Kritikern jedoch als "Gewaltspiele" und damit als kontraproduktiv abgelehnt werden. "Mir geht es darum, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie heute zu finden sind", verteidigt die Professorin das Projekt.

Doch für die Entwickung von Präventionsprogrammen, die speziell auf Salafismus und religiös begründete Radikalisierung ausgerichtet sind, bedürfe es nach Ansicht von Huth-Hildebrandt noch einer generellen Bestandsaufnahme bisheriger Programme.  

Erst seit Ende der 2000er Jahre versuchen Wissenschaftler und Sozialpädagogen solche Programme zu entwickeln. In Großbritannien, wo der militante Islamismus noch stärker vertreten ist als in Deutschland, existieren bereits gut ausgebildete Strukturen zur Bekämpfung des islamistischen Extremismus. Ein Beispiel dafür ist das Institute for Strategic Dialogue in London. Dort versucht man mithilfe eines breiten Netzwerks von staatlichen Behörden, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Forschung geeignete Präventionsstrategien zu entwickeln. 

Vieles ist im Gespräch

Auch in Deutschland werden ähnliche Versuche unternommen, jedoch fehlt es hier nach wie vor an konsensuell ausgearbeiteten Konzepten und die Übernahme in Lehr- und Ausbildungspläne im föderalen Bildungssystems. "Der Staat bemüht sich, aber es muss mehr in den Aufbau nachhaltiger Strukturen investiert werden", fordert die Islamismus-Forscherin und Elternberaterin Claudia Dantschke gegenüber "Erasmus Monitor". Zwar passiere bereits einiges, vieles sei im Gespräch; doch die staatlichen Investitionen in geeignete Programme seien zu gering. "Nicht nur Modellprojekte sollten gefördert werden, sondern vor allem komplexe Angebote, die langfristig professionalisiert werden können. Dazu gehören lokale Netzwerke, mehr Jobangebote für Fachkräfte, Fortbildungen, aber auch Aufklärung von Familien und Eltern.", so Dantschke.
 
Auch auf europäischer Ebene wird über länderübergreifene Strategien nachgedacht, um Radikalisierungsprozesse in den Schulen effektiv zu begegnen. Das "Radicalisation Awareness Network" (RAN) der Europäischen Kommission hat nach einem Workshop im März dieses Jahres ein vielversprechendes "Manifest" für Lehrer und Schulen vorgestellt, dass Risikofaktoren und Indikatoren der Radikalisierung auflistet und mögliche Strategien und Handlungsoptionen für Regierungen, Schulen und Pädagogen vorschlägt. Das RAN fordert wie viele andere einen stärkeren Einsatz der staatlichen Behörden und Regierungen bei der Entwicklung und Finanzierung geeigneter Aus- und Fortbildungsprogramme für Lehrer und Sozialarbeiter.

Ob die Staaten diesen Forderungen mehr Taten folgen lassen werden bleibt fraglich. In Zeiten der europäischen Wirtschaftskrisen sind vor allem Bildungs- und Sozialressorts von Kürzungen betroffen. Doch keine europäische Regierung wird ein Interesse daran haben, dass eine verlorene Generation radikalisierter junger Menschen weiter wächst und im schlimmsten Fall zu Terror und Gewalt greift.