Montag, 17. August 2015

Rashids Traum

Sultan Sanjer“ gehört in sozialen Netzwerken zu den wichtigsten Propagandakanälen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Noch ist unklar, wer und wie viele Personen hinter dem Pseudonym stehen. Fakt ist: Unter diesem Namen werden regelmäßig geschönte Nachrufe auf getötete Kämpfer veröffentlicht, die der Verfasser getroffen haben will. Im März tauchte erneut ein Bericht des „wandernden Chronisten“ auf. Im Mittelpunkt: Der Frankfurter Rashid Benamar. 

Ruhig und unauffällig

Rashid Benamar galt immer als ruhiger und unauffälliger Kerl. In Frankfurt-Hattersheim aufgewachsen, führte der Deutsch-Marrokaner bis Anfang 20 ein ganz normales Leben. Er spielte Fußball, machte das Abitur und begann ein Studium. Doch dann veränderte sich Rashid. Er rutschte in die Frankfurter Salafistenszene ab, die für ihre engen Verbindungen in das djihadistische Milieu berüchtigt ist.

Sicherheitsbehörden hatten Benamar zwischen 2011 und 2013 auf dem Schirm. Er soll einer Gruppe von Frankfurtern angehört haben, die zu allem bereit gewesen war. Der Hattersheimer fiel aber nie als Wortführer oder besonders aggressiver Islamist auf. Keiner der Ermittler ahnte, dass sich Benamar insgeheim zum Djihad entschieden hatte, als er 2013 nach Ägypten aufbrach, um dort die arabische Sprache zu erlernen. Von dort reiste der damals 26-Jährige 2014 über die Türkei nach Syrien ein und schloss sich der Terrormiliz ISIS an.

Im August des letzten Jahres tauchte dann ein Video des IS-Propagandakanals "al-Furqan" auf, in dem Benamar in braunem Gewand zu sehen war. Mund und Nase hatte der Deutsch-Marrokaner unter einem Turban versteckt. Nur seine blutunterlaufenen braunen Augen waren unverhüllt. Unsicher und in einer Mischung aus nordmarrokanischem Arabisch und deutschen Wortfetzen erzählte Benamar von seinem Traum als Märtyrer.  Er gehöre der Ichwān an und sei Teil der Sahabah. Er stehe in der Tradition von Bilāl ibn Rabāh al-Habaschī,  einem afrikanischen Gefährten des Propheten Muhammad, von dem überliefert ist, dass er sein Leben dem Djihad in Syrien geopfert hatte.

Für Selbstmordattentäter ist die Identifikation mit den Gefährten Muhammads sehr wichtig. Sie fühlen sich dadurch als Teil einer islamischen Avantgarde, derjenigen, die auserwählt seien, sich für Allah zu opfern und dafür besonderen Lohn im Paradies zu ernten. Dieses Gefühl zu vermitteln und bis zur Tat aufrechtzuerhalten, erledigen die Prediger und Ideologen der djihadistischen Terrorgruppen.

Die "Auserwählten" werden häufig allein oder in Gruppen isoliert, sehr gut umsorgt und ständig instruiert. Wie den Attentätern des 11. Septembers werden ihnen exakte Verhaltensregeln vor dem Anschlag vorgeschrieben. Zum Teil rezitieren sie viele Wochen lang Koranverse und lesen sich das eigene Testament immer wieder durch. Ein IS-Kämpfer, der Benamar in einem Lager in der Wüste getroffen haben will, behauptet, er habe den Frankfurter stets allein mit dem Koran in der Hand in einer Ecke sitzen sehen.

Benamar steuerte schließlich im August 2014 einen mit Sprengstoff beladenen US-Humvee in einen irakischen Armeeposten in Ramadi. Dabei sollen laut IS über 40 irakische Soldaten getötet worden sein, auch wenn die Angaben umstritten sind.

Unklar ist bislang gewesen, was Benamar vor seinem Attentat in Syrien und Irak getan hatte. „Sultan Sanjer“ beschreibt in seinem propagandistischen Bericht - der unter IS-Anhängern massenhaft rezipiert wurde - einen schwachen und kränkelnden jungen Mann, der sich perfekt zum Selbstmordattentäter – die Ishtihadi-Operation – eignete. Die Terrororganisation lässt normalerweise jedem Kämpfer bei seiner Einreise die Wahl, ob er kämpfen oder sich als Selbstmordattentäter direkt ins Paradies befördern möchte. Oftmals jedoch legen Kommandeure und Einflüsterer den Neuankömmlingen nahe, für welche Rolle sie eher geeignet sind.

Ankunft in Syrien

Benamars Verwandte wussten laut "Sultan Sanjer" nichts von dessen Ausreiseplänen. Bei seiner Ankunft in Syrien soll er mit einigen anderen Deutschen am Sitz der IS-Hauptverwaltung (vermutlich in Raqqa) eingetroffen sein. Mehrere Kunyas hatte er sich da schon gegeben: „Abu Ayoub al Maghrebi“ und „Abu Ayyub al Almani“. Da viele andere Kämpfer gleiche Kampfnamen angenommen hatten, nannten Benamars Freunde ihn einfach nur „Abu Abdulrahman“. Der Verfasser von „Sultan Sanjer“ will eine enge Beziehung zum Frankfurter gehabt haben.
Propaganda des IS: "Sultan Sanjer"

Gemeinsam mit einigen Briten sei Benamar später zu einem Trainingscamp des IS an der syrisch-irakischen Grenze gefahren worden. Das Lager habe an einem „schönen Berg“ gelegen und soll ein ehemaliger Stützpunkt der US-Truppen gewesen sein, was darauf hinweist, dass es auf irakischen Territorium lag.

Demnach war es eine raue Gegend, in der sich Benamar und die anderen Rekruten aufhielten, fernab von Luxus und den alltäglichen Annehmlichkeiten. Die Neuankömmlinge hatten hier ihre Härteprüfung abzulegen, bevor sie zu den Terrorschwadronen des IS hinzustoßen konnten.

Bei der Ausbildung zu Kämpfern wurden sie von ihren Kommandeuren angeschrien, zu Boden gestoßen und mussten schwere Lasten herumschleppen. Sie wälzten sich im Staub und suhlten sich im Schlamm. „Diese Religion erfordert Männer der Berge und Wüsten, nicht Männer der Häuser und Paläste“, begründet "Sultan Sanjer" das harte Training. Jeden Stolz und Hochmut hätten sie sich dafür entledigen müssen. Die Rekruten würden dazu ausgebildet am Ende unbedingten Gehorsam zu zeigen sowie spirituell und psychologisch auf die „Schlachten gegen die Ungläubigen" vorbereitet zu sein. 

Krank und schwach

Doch das harte Training habe auch Probleme mit sich gebracht: Die Rekruten wurden aufgrund des rauen Klimas in den Bergen schnell krank. Auch Benamar soll im Lager an Krankheiten gelitten haben. „Stell dir vor, du bist vor ein paar Tagen noch in Deutschland gewesen und heute stehst du auf den Berggipfeln!“, gibt "Sultan Sanjar" den Lesern zu bedenken. Die „Brüder“ hätten sich um Benamar gekümmert und ihm Medizin und Wasser gebracht. Doch der habe zu allem Übel noch an einer hartnäckigen Fußverletzung gelitten. Der ohnehin zierlich gebaute Rashid war damit als Kämpfer des IS unbrauchbar, sein Schicksal als Selbstmordattentäter so gut wie besiegelt.

Er soll sich laut „Sultan Sanjer“ für diesen Weg bei einem Schlüsselerlebnis entschieden haben. Bei Gefechten im Irak sollen er und andere Kämpfer in einem Haus Luftschläge der USA nur knapp überlebt haben. Dabei habe er seine Angst geäußert, zu früh zu sterben, ohne das Leben einiger „Rafidah“ (arab. Verweigerer/Leugner, im salaf. Milieu ein negativ konnotierter Begriff  für Schiiten) ausgelöscht zu haben.

Benamar soll "Sultan Sanjer"  weinend erzählt haben, er sei gespannt darauf mit Gott zu reden und mit ihm zu lachen. Der Verfasser war erstaunt darüber, wie groß die "Sehnsucht und Begierde" Benamars war, "Gott zu begegnen".

Nach dem Tod des damals 27-Jährigen soll Benamar "Sultan Sanjer" in einem Traum begegnet sein. Mit dem Auto sei er auf ihn zugefahren. Er stieg aus und umarmte ihn. Sie küssten sich. "Dann ging er zu seinem Wagen, öffnete die Tür und drehte sich zu mir um und lachte." Er gehe nun zu Gott, soll Benamar gesagt haben. "Vergesst nicht, wie sehr ich euch geliebt habe".

Übersetzung des Testaments von Rashid Benamar (laut Text):

Ich möchte meinen Brüdern - besonders denjenigen aus Marroko - erzählen, dass die Belange der Sahaba (wie Sulam al-Faransi, Suhaib ar-Rumi, Salman al-Farisi), die selben Belange sind, mit denen unsere Brüder heute zu tun haben. Wir die Migranten aus dem Westen und dem Osten, sagen euch im Westen: Kommt in den Djihad, in unseren Staat. Möge Allah euch dafür belohnen.