Sonntag, 8. November 2015

Gastkommentar: Auf kluge Reden müssen Taten folgen

 
Aussteiger Irfan Peci/Quelle: br
Irfan Peci gehörte zu den wichtigsten Propagandisten der deutschsprachigen al-Qaida. Später wurde er V-Mann des Verfassungsschutzes, stieg dann ganz aus der Szene aus. Heute ist er Buchautor und warnt vor den Gefahren des islamistischen Extremismus.

"Auf der Suche nach etwas Spiritualität"

Es hat lange gedauert, bis man in der Politik zu der Überzeugung gekommen war, dass Prävention auch im Bereich des islamistischen Extremismus notwendig ist. Angesichts des Erfolgs der Präventionsarbeit in verschiedenen Ländern und der eigenen Ratlosigkeit, einigte man sich, dass nun endlich was geschehen müsste. Doch leider ist seitdem viel zu wenig geschehen. Statt eines nationalen Konzepts, wie es der Bremer Innensenator gefordert hat, gibt es von Land zu Land unterschiedliche Initiativen und in einigen Bundesländern überhaupt keine.

Jugendliche/Quelle: ksta
Beratungsstellen, die Prävention und Deradikalisierung betreiben sind nur in sehr wenigen Städten vertreten. Man kann sie an einer Hand abzählen. Gleichzeitig jedoch gibt es in jeder größeren deutschen Stadt eine salafistische oder jihadistische Gemeinschaft, die für ihre Ideologie Tag für Tag auf unterschiedliche Art und Weise werben kann. 
 
So ist es nicht verwunderlich, dass ein muslimischer Jugendlicher, der bis gestern noch kriminell war und einen hedonistischen Lebensstil pflegte, irgendwann die Schnauze voll davon hat. Nur auf der Suche nach etwas Spiritualität, gerät er ziemlich schnell an Extremisten, die dann sehr geschickt diese Sinnsuche auszunutzen versuchen, um ihn für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. 
 
Aus diesem Jugendlichen hätte auch ein konservativer Muslim werden können, der später eine Familie gründet, sie versorgt und bis an sein Lebensende ein möglichst glückliches Leben führt. Doch es mangelt vielen Jugendlichen an Alternativen, denn Extremisten – seien sie religiös oder politisch motiviert -, sind in allen Lebensbereichen anzutreffen. In der Alltagsrealität, wie auch im Internet.

"Es gibt viele kluge Köpfe"

Ohne ein einheitliches, nationales Konzept, dass auch genügend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt bekommt, wird man das Extremismus-Problem nicht lösen können. Dass Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit auch wirklich funktionieren, sehen wir an den positiven Ergebnissen, die tendenziell unterfinanzierte Initiativen wie das "Netzwerk sozialer Zusammenhalt" in Österreich oder die Beratungsstelle "Hayat" in Deutschland erzielen. 

Am Personal würde es nicht fehlen. Vor allem unter den Muslimen gibt es viele kluge Köpfe, die sich sehr gerne in der Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit engagieren und diese Arbeit als einen Dienst am Islam betrachten würden. Doch diese Arbeit muss auch entsprechend gefördert werden.

Doch wie sollte ein nationales Konzept zur Lösung des Problems aussehen? Dazu muss man erst einmal klären, warum sich vor allem junge Muslime radikalisieren. Auf diese Frage geben die Experten unterschiedliche Antworten. Hier wird der Fehler begangen, dass darüber dann diskutiert wird, welche der genannten Faktoren die einzig entscheidenden sind.

Prediger Brahim Belkaid alias Abu Abdullah
Wenn ich auf den Prozess meiner eigenen Radikalisierung zurückblicke, bin ich der Meinung, dass sich die verschiedenen Antworten nicht gegenseitig ausschließen. Es sind viele unterschiedliche Faktoren, die zusammenkommen. Natürlich spielte auch bei mir eine mangelnde Integration eine wichtige Rolle. Vor allem aber waren es ein falsches Islamverständnis sowie der Einfluss der jihadistischen Propaganda auf mich. 

Es gab die charismatischen Hassprediger, die mich beeinflussten, der intensive Kontakt zu salafistischen Gruppen und auch die "virtuellen Gemeinschaften", die nur im Internet existierten. Je nach Charakter der sich radikalisierenden Person, spielen die Internetpropaganda eine größere Rolle, oder der Jihadist, den man im Fitnessstudio kennengelernt hat, der einen dann beeinflusst.

Einheitliche Konzepte, wie man erfolgreich Präventions- und Deradikalisierungsarbeit voranbringt, gilt es vor allem aus den Antworten der Frage nach dem „Warum“ abzuleiten. Diese Antworten zu finden ist zunächst die Aufgabe der Forschung, von Sozialpädagogen und den spezialisierten Beratungsstellen. Doch auch Leute wie ich, ein Aussteiger der Szene, der zudem tief im jihadistischen Umfeld verstrickt war, können durch Gespräche und Berichte dabei helfen, die zentralen Ursachenfaktoren der Radikalisierung zu offenbaren und damit für pädagogische Konzepte fruchtbar zu machen.

"Taten folgen lassen"

Die Politik sollte ihren klugen Reden zu dem Thema endlich Taten folgen lassen. Sie muss die Finanzierung für Forschungsprojekte und die heute schon arbeitenden Beratungsstellen im Bereich Salafismus deutlich ausweiten. Auch vor dem Hintergrund riesiger Flüchtlingsströme nach Deutschland, darf sie das Thema der sozialen und kulturellen Integration nicht verschlafen.

Flüchtlinge auf dem Weg  nach Deutschland/Quelle: Reuters
Meine Befürchtung jedoch ist, dass die politischen Entscheider dieses Thema weiterhin schleifen lassen. Die Salafismus-Szene wächst immer schneller. Die vielen Flüchtlinge, darunter auch perspektivlose Menschen, könnten für die Extremisten zur leichten Beute werden. Wird die Politik also dem Flüchtlingschaos weiterhin nur zuschauen? Angesichts bereits heute existierender Parallelgesellschaften in manchen deutschen Städten, ist dies ein wahrscheinliches Szenario.

Stelle man sich vor, wenn es irgendwann einmal doch zu einem jihadistisch motivierten Anschlag in Deutschland kommen sollte. Im Zweifel wird man doch wieder im Fernsehen hören, wie man das alles hätte verhindern können: durch Prävention und Deradikalisierung. Doch dann wäre es zu spät. 

Anmerkung: Die hier geäußerten Ansichten des Autors, spiegeln nicht zwingend die Ansichten des Blogs wieder.