Donnerstag, 3. Dezember 2015

IS-Terror: Deutsche Kämpfer hatten enge Kontakte zu Pariser Attentäter


Deutsche IS-Kämpfer aus Dinslaken hatten monatelang enge Kontakte zu Mitgliedern der Pariser Terrorgruppe. Das ergeben Recherchen von "Erasmus Monitor". Behörden sind die Verbindungen schon länger bekannt und haben bereits reagiert.

Es war Mitte 2013, als die ersten Jihadisten aus Dinslakenen in den nahen Osten reisten. Mit dabei: Philip B., Marcel L., Mustafa K. und Hasan D.. Ihr Ziel war der Jihad in Syrien.

In der nordsyrischen Millionenstadt Aleppo schlossen sich die vier einer brutalen Rebellengruppe an. Ihr Name: "Majlis Shura al-Mujahideen". Ihr Kommandeur war der syrisch-stämmige Saudi Amr al-Absi.

In den Aleppiner Vorstädten Khan Toman und Sheikh Suleiman hatte der international gesuchte Terrorist Ausbildungslager für Rekruten einrichten lassen. Die vier Dinslakener und später auch der Kemptener David G. sowie weitere Deutsche mussten dort mehrwöchige Kampfausbildungen durchlaufen.

Bereits vor der Ankunft der Deutschen hatte al-Absi mehrere hundert Kämpfer um sich geschart. Es waren vor allem Ausländer, darunter viele Briten, Franzosen und Belgier. In mehreren Stadtvillen hatte sich die Gruppe einquartiert. Al-Absi verfügte über erhebliche finanzielle Mittel, um seine Männer auszurüsten und zu unterhalten.

Im Auftrag des Kalifen

Amr gehörte wie sein älterer Bruder Firas al-Absi zum internationalen Terrornetzwerk von al-Qaida. Sowohl zu Osama Bin Laden, als auch zu Abu Bakr al-Baghdadi sollen die beiden laut amerikanischen Geheimdiensten enge Kontakte unterhalten haben. Die syrische Regierung hatte Amr wegen seiner Aktivitäten im Irak seit 2007 inhaftiert. Mit Ausbruch der Revolution im Jahr 2011, setzte Diktator Bashar al-Assad ihn und viele weitere Extremisten auf freien Fuß.
Al-Qaida-Veteran Amr al-Absi

Im Auftrag von Abu Bakr al-Baghdadi, bauten die al-Absi-Brüder mehrere Kampfbrigaden in Aleppo und Homs auf. Ihr Ziel war die stille Unterwanderung der syrischen Rebellen. Den beiden gelang es in kürzester Zeit, strategisch wichtige Städte und Militärstützpunkte in Aleppo unter ihre Kontrolle zu bringen. Als Firas al-Absi 2012 von Rebellen der „Freien Syrischen Armee“ getötet wurde, übernahm Amr das Oberkommando über die Extremistengruppen.

Viele Europäer, die sich dem heute etwa 36-Jährigen anschließen wollten, beherrschten die arabische Sprache nicht. Al-Absi teilte seine Rekruten daher sprach-spezifischen Brigaden zu. Die größte Gruppe bestand überwiegend aus Belgiern und Franzosen. Darunter waren auch die aus Brüssel stammenden Abdelhamid Abaaoud und Houssien Elouassaki. Beide hatten Belgien Ende 2012 verlassen und sich der ursprünglich von Libyern gegründeten Extremistengruppe "Katibat al-Battar" angeschlossen.

In Belgien radikalisierten sie sich im Umfeld der Salafistenbewegung "Sharia4Belgium", einer militanten Gruppierung, vergleichbar mit dem von Mohamed Mahmoud angeführten Verein "Millatu Ibrahim". In Aleppo erhielten sowohl Abaaoud und Eloussaki führende Positionen von Amr al-Absi. Nach Erzählungen des Syrien-Rückkehrers Jejoen Bontinck, wurde Eloussaki Amr's Stellvertreter und übernahm wichtige Aufgaben des hochrangigen Kommandeurs. Sowohl er, als auch Abaaoud, rekrutierten im Laufe der folgenden Monate zahlreiche Landsmänner für den Jihad.

Der "Poster Boy"

Rechts: Abdelhamid Abaaoud/Mitte: Salaheddin Ghaitun
Dann, Mitte 2013, sagte sich Abu Bakr al-Baghdadi von al-Qaida los und erklärte sich zum Anführer des "Islamischen Staates im Irak und Syrien" (ISIS). Während sich Amr al-Absi offen zum Iraker bekannte und von diesem zum "Provinzgouverneur" in Aleppo ernannt wurde, desertierte der junge Eloussaki. Kurz darauf ließ al-Absi ihn ermorden. 

An seine Stelle trat wohl der Franzose Salaheddin Ghaitun, der später als "Posterboy" in der IS-Propaganda große Bekanntheit erlangte. Der charismatische Lockenkopf, der vier Sprachen beherrschte, hatte äußerlich wie intellektuell das notwendige Rüstzeug, Kämpfer ideologisch und handlungsleitend zu beeinflussen. In zahlreichen Videos unterschiedlicher IS-Propagandakanäle, rief er Franzosen, Spanier und Belgier zum Jihad und zu Anschlägen in ihren Heimatländern auf.
 
Salaheddin Ghaitun in Raqqa/explodierender Eiffelturm (2014)
Ghaitun hatte eine enge Beziehung zu Abdelhamid Abaaoud. Zusammen waren sie wohl nicht nur die PR-Gesichter von ISIS, sondern auch für die Rekrutierung potenzieller Attentäter verantwortlich. Demzufolge war auch Ghaitun in die Planungen für die Pariser Anschläge und die davor bereits gescheiterten Versuche in Brüssel mit großer Wahrscheinlichkeit involviert gewesen.

Die konzertiert durchgeführten Anschläge in der französischen Hauptstadt im November dieses Jahres, erforderten eine lange, wenn nicht jahrelange Vorbereitungzeit. Bilder, auf denen Ghaitun zu sehen ist, zeigen immer wieder Bezüge zu symbolträchtigen Orten in Frankreich wie den Pariser Eiffelturm. Den hatte Ghaitun einmal auf ein Blatt Papier gekritzelt, dazu eine Explosionswolke, die das Denkmal auseinanderriss. 


Die al-Absi-Gruppe war mehr als nur eine Jihadistengruppe, die um Land in Syrien kämpfte. Ihr  meist unsichtbarer Anführer, der von den USA und der EU als internationaler Terrorist gesucht und heute in Homs vermutet wird, ist für viele Gräueltaten in Syrien und Irak verantwortlich. Geheimdienste gehen davon aus, dass er die Medienmaschinerie des IS leitet. Nicht auszuschließen ist, dass er eine entscheidende Rolle bei der Anordnung und Planung der Pariser Attentate spielte.

Die Dinslakener schlossen sich Mitte 2013 seiner Gruppe an. Auch die später im Herbst des gleichen Jahres nachgereisten David G. aus Kempten und Nils D. folgten ihrem Beispiel. Schnell knüpften die Deutschen Kontakte zu Franzosen und Belgiern, schlossen Freundschaften. Gemeinsam mit ihren „Brüdern“ waren auch sie in den luxuriösen Behausungen von al-Absi in Kafr Hamra untergebracht. Pool-Parties, üppige Mahlzeiten und gute Verdienstmöglichkeiten, machten al-Absis Gruppe unter Ausländern bekannt und beliebt.
 

Unterhaltungswert hatten laut Berichten von Geflohenen aus der Gruppe auch die alltäglichen Verbrechen, die ihre Mitglieder in ihrem Herrschaftsgebiet begingen. Zivilisten wurden ausgeraubt, Andersgläubige, Rebellen und "Spione" gekidnappt, gefoltert oder gleich brutal ermordet. Dass die Kämpfer der Lohberger Brigade wie Mustafa K., Marcel L. und Philip B. nicht gerade zimperlich mit ihren Opfern umgingen, haben Medien bereits umfassend dargestellt.

Gemeinsames Posieren

Salaheddin Ghaitun/Kemptener David G.
Die Dinslakener wurden gegen Ende 2013 bei Kämpfen gegen verfeindete Rebellengruppen und die syrische Armee an unterschiedlichen Fronten rund um Aleppo eingesetzt. Unter anderem in Khan Tuman, Layramoon und Hraytan. Dass sich die Deutschen auch weiterhin in unmittelbarer Nähe der belgisch-französischen Terrorplaner aufhielten, beweisen Aufnahmen aus der Zeit. Ein „Selfie“ zeigt David G. gemeinsam mit Salaheddin Ghaitun in einem Nachtquartier vermutlich in Aleppo. Der 19-jährige Allgäuer starb im darauffolgenden Januar 2014 im Norden der Wirtschaftsmetropole.

Die Kämpfe dort intensivierten sich damals massiv. Dass sich auch Abdelhamid Abaaoud nach seiner Belgien-Rückkehr und der Entführung seines Bruders in der Stadt an den Gefechten beteiligte, zeigen die schockierenden Videoaufnahmen aus dem Stadtteil Hraytan, die er Anfang März ins Internet stellte. Darin schleifte er mit einem Auto ein halbes Dutzend toter Rebellen durch die Straßen. 

 
Im Laufe der Kämpfe gelang es den gemäßigteren Rebellen die ISIS-Truppen in Aleppo zurückzudrängen. Al-Absis Brigaden zogen sich in die syrische Grenzstadt Azaz zurück, der Stützpunkt in Kafr Hamra wurde aufgegeben. In Azaz sollen nach einem Bericht des "SPIEGEL“ die Lohberger Brigade mit Abaaoud und seinen Kämpfern im selben Haus geschlafen haben. In diesem Zeitraum entstand auch das grausame Bild von Mustafa K., der mit abgeschlagenen Köpfen gefangengenommener Rebellen für Philip B. posierte.

Hasan D. mit Belgier Abou Omar und Ghaitun
Nachdem ISIS auch aus Azaz vertrieben wurde, zogen die al-Absi-Brigaden und die Deutschen weiter nach al-Bab, Manbij und Jarabulus. In Raqqa schließlich quartierten sich Abaaoud und seine Mitstreiter von "Katibat al-Battar" in Hotels und Restaurants ein.

Auch die Dinslakener hielten sich dort eine Zeitlang auf, bevor sie bei Kämpfen in Deir Ezzor eingesetzt wurden. In diesem Zeitraum, zwischen April und Juni 2014, so belegen es Bilder, hielten sich die Deutschen nach wie vor in unmittelbarer Nähe der belgischen und französischen Terroristen auf. Hasan D. ließ sich in einem Hotel mehrmals mit Salaheddin Ghaitun ablichten, der im Juli 2014 bei Raqqa von syrischen Soldaten erschossen wurde. Auch mit einem engen Freund von Abdelhamid Abaaoud, dem Belgier "Abou Omar Brams", zeigte sich D. vor der Kamera.

Hüseyin D., Hasans Bruder, reiste Ende 2014 mit acht weiteren Dinslakener in die inoffizielle IS-Hauptstadt. Dort ließ er sich sogar gemeinsam mit seinem Bruder Hasan neben Abaaoud fotografieren. Auch nachdem Hasan im Dezember gemeinsam mit Marcel L. und Mustafa K. bei einem US-Luftschlag in Kobane ums Leben gekommen war, hielt sich Hüseyin 2015 weiterhin im Umfeld von Abaaoud auf, der erneut nach einem missglückten Attentatsversuch auf die Brüssler Polizei nach Syrien geflohen war.

Abdelhamid Abaaoud/Hüseyn D. (2015)
Behörden sind alarmiert 
 
Die engen Kontakte deutscher IS-Kämpfer zu Verantwortlichen der Pariser Terrorangriffe verdeutlichen, wie gefährlich nahe der internationale Terror mittlerweile an Deutschland herangerückt ist. Auch wenn derzeit nicht nachgewiesen werden kann, dass die Dinslakener in die Pläne der Belgier und Franzosen eingeweiht gewesen waren, dürften Sicherheitsbehörden dennoch alarmiert sein. 

Bereits über 20 Deutsche haben sich bei Selbstmordattentaten in Syrien und Irak in die Luft gesprengt, darunter auch der Dinslakener Philip B.. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass sich Deutsche auch für Anschläge in Europa bereit erklären könnten.

Nach Informationen von "Erasmus Monitor" liegen der Generalbundesanwaltschaft in mindestens drei Fällen konkrete Hinweise auf mögliche Verwicklungen deutscher IS-Kämpfer in Anschlagsplänen vor. Wie der "Bayrische Rundfunk" gestern berichtete, verhängten die Behörden am 1. Dezember  gegen Hüseyin D. ein Einreiseverbot für Deutschland. Vermutlich wegen seinen Verbindungen zu Abdelhamid Abaaoud.