Mittwoch, 9. Dezember 2015

Verschollen in der Türkei

Erkan* ist erst 13 Jahre alt, als er im Juli dieses Jahres in die Türkei reist. Sein Ziel: Der Jihad in Syrien. Doch nur durch Zufall können Behörden ihn an der Grenze noch rechtzeitig aufhalten. Er kommt in eine Jugendeinrichtung. Vorrübergehend, heißt es. Doch Recherchen von "Erasmus Monitor" und der "Süddeutschen Zeitung" haben ergeben: Der Teenager sitzt bis heute in der Türkei fest.

Festnahme im Juli

Es ist der 24. Juli 2015, als sich Erkan an einen Computer setzt und sich bei Facebook einloggt. Er ist verzweifelt. Jemand hat ihn versetzt, ein Schleußer vermutlich. Der sollte ihn eigentlich am Busbahnhof in der Innenstadt der südtürkischen Stadt Gaziantep abholen. Doch er reagiert nicht auf Erkans Anrufe.

In seiner Panik schreibt der Junge zahlreiche Facebook-Nutzer an, will von ihnen wissen, ob sie in Syrien sind. Er brauche Hilfe, fleht er. So geschieht es auch, dass Erkan per Zufall einen verdeckten Rechercheaccount von "Erasmus Monitor" kontaktiert. "As salamu aleykum akhi", schreibt er uns zutraulich. "Ich hab ne frage, ganz wichtig". Er brauche jemanden, der ihn in der Türkei abholen und nach Syrien bringen könne. Im Laufe des Chat-Gesprächs, erkennt der Redakteur von "Erasmus Monitor", dass Erkan derjenige ist, für den er sich ausgibt.

Behörden wie das Auswärtige Amt und das Bundeskriminalamt werden kontaktiert. Später gelingt es bayrischen Ermittlern in Zusammenarbeit mit dem Blog, Erkan an seinem Rechner abzulenken. Ein Schleuser würde kommen und ihn abholen, wird ihm versichert. Da ist die türkische Polizei schon unterwegs. Am späten Nachmittag wird Erkan festgenommen und in eine Jugendeinrichtung gebracht.

Wo ist der Junge?

Ausschnitt aus einem Chatprotokoll
Ermittler warnten damals bereits vor allzu großer Euphorie. Die Mühlen der türkischen Justiz  würden langsam mahlen. Es könne noch lange dauern, bis der inzwischen 14-Jährige in seine Heimatstadt München zurückkehren würde. Dort haben Sozialpädagogen und Psychologen für den Jungen schon alles vorbereitet.

Nach Informationen von "Erasmus Monitor" und der "Süddeutschen Zeitung", sitzt Erkan nach wie vor in der Türkei fest. Die bayrische Justiz klagt bereits über mangelnde Kooperationsbereitschaft türkischer Behörden. Man wisse weder, wo sich Erkan derzeit aufhalte, noch was er gerade mache, war aus Sicherheitskreisen zu erfahren.

Grund dafür vor allem sei, dass Erkan, der in Deutschland geboren ist, keinen deutschen Pass habe, weil seine Eltern unterschiedliche Nationalitäten besäßen. Deswegen könne sich die deutsche Botschaft auch nicht für Erkan aktiv einsetzen. Das Münchner Sozialreferat, dass sich für Erkans Rückkehr einsetzt, lässt derzeit über den Internationalen Suchdienst (ISD) nach dem Jungen fahnden. Derzeitiger Stand: "Wir wissen nicht, wo er ist." Auch die Mutter von Erkan lässt Anwälte in der Türkei nach ihrem Sohn suchen. Bisher vergeblich.

Kein Einzelfall

Es ist der alltägliche Ärger, mit dem sich Ermittler und die Justiz in Deutschland herumschlagen müssen. Die Türkei, das als offenes Scheunentor für Jihadisten aus aller Welt gilt, ist seit Jahren dafür bekannt, die Arbeit europäischer Sicherheitsdienste auszubremsen.

Deutsche Ermittler stehen der langsamen und ineffizienten Bürokratie des Landes machtlos gegenüber. Auch in den Fällen Merve D. und Valentina S., die wegen mutmaßlich geplanter Terrorattacken in der Türkei gesucht werden, offenbarte sich ein auffälliges Desinteresse türkischer Ermittler, mit den deutschen Behörden zu kooperieren.

Fehlende Krisendiplomatie

Die Probleme könnten auf politischer Ebene angegangen werden. Doch bisher hat die deutsche Bundesregierung wenig Willen gezeigt, Ankara substanzielle Zugeständnisse abzuringen, die die Zusammenarbeit zwischen den nationalen Ermittlungsbehörden erleichtern könnte. Und das trotz der Tatsache, dass die Mehrheit der rund 800 deutschen Jihadisten über die Türkei nach Syrien reiste.

Deutsche Kämpfer dort brüsteten sich in den letzten Wochen sogar damit, dass nach wie vor zahlreiche Rekruten des IS und al-Qaida über die türkisch-syrische Grenze kämen. Auch Deutsche sollen darunter sein, unter anderem aus Oberhausen und Berlin.

Was wäre, wenn Erkan aus der Jugendeinrichtung türmen und es doch noch nach Syrien schaffen würde? Ein unvorstellbares Szenario. Die Arbeit der Ermittler in Deutschland wäre umsonst gewesen.

Der 14-Jährige ist Opfer einer fehlenden Krisendiplomatie zwischen Deutschland und der Türkei. Und auch die Chancen, dass der Münchner jemals ein Leben fernab vom Islamismus führen wird, schwinden von Tag zu Tag.

*Der Name wurde aus Schutzgründen geändert