Mittwoch, 3. Februar 2016

Unter dem Radar

Militante Salafisten und Jihadisten geraten im Internet zunehmend unter Druck. Sicherheitsbehörden erhalten durch die stetige Ausweitung von Überwachungskompetenzen immer mehr Einblicke in ihr Kommunikationsverhalten. Lange Zeit zuverlässige Verschlüsselungsprogramme und digitale Interaktionsräume fallen für konspirativ agierende Gruppen zunehmend weg. Dennoch stehen ihnen zahlreiche Alternativen zur Verfügung. Ein neues deutschsprachiges Jihad-Magazin, dass "Erasmus Monitor" schon länger vorliegt, versucht auf unkonventionelle Weise die Zielgruppe darüber zu informieren.

Aus dem Dunstkreis der deutschen al-Qaida

Es ist ein sperriger Name, der da auf der Titelseite eines neuen Jihad-Magazins steht. Er lautet "Kybernetiq". Ein Begriff, der vor allem in der Wissenschaft verwendet wird, für den die Autoren auf Seite Zwei auch gleich mehrere Definitionen parat haben. Kybernetik sei die "Wissenschaft von den dynamischen, selbstregulierenden Systemen (in Natur und Technik)."

Mehrere englischsprachige Zeitungen haben bereits über "Kybernetiq" berichtet. Sie ordneten das Magazin der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) zu. Wie so oft, wenn es um die Analyse jihadistischer Propaganda geht, irrten sich die Journalisten. Die alltägliche, mediale Präsenz des IS hat mittlerweile dazu geführt, dass andere mächtige Jihadistengruppen wie Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham oder die islamische Turkestan-Partei entweder schlicht übersehen oder gleich unter dem IS subsummiert werden.

Titelseite "Kybernetiq"
Hinter "Kybernetiq" steht nach Informationen von "Erasmus Monitor" eine kleinere Gruppe von Jihadisten und al-Qaida-Sympathisanten aus Deutschland und Österreich. In der bisher ersten Ausgabe (eine 2. Version ist bereits in Arbeit) steht lediglich der Name nur eines Autors. Er nennt sich "imujahid", ein Begriff der von deutschsprachigen Jihadisten noch in einem frühen Stadium des syrischen Bürgerkriegs erfunden wurde. Ursprünglich kreierte man das Pseudonym im Umfeld der tschetschenischen Rebellengruppe "Junud ash-Sham". Als sich 2013/14 viele deutschsprachige Kämpfer von der Gruppe abwendeten, um zu konkurrierenden Rebellengruppen überzulaufen, führten eine Handvoll verbliebener Leute das Projekt weiter.

Zu hochgestochen, zu komplex

Das Magazin besticht durch eine ungewöhnlich gute Sprache, dass der Leser meinen könnte, der Chaos Computer Club hätte bei der Abfassung mitgemischt. "Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Glaubensgeschwister den richtigen Umgang mit Software und Hardware erlernen. Einst hat das Abendland den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt des Orients beneidet und zugleich hat die Elite der Ungläubigen es als Teufelswerk verbannt", schreibt "imujahid" in seinem Vorwort. Viele Leser wird das Magazin aber wohl nicht anlocken. Zu hochgestochen ist die Sprache, zu komplex die technisch-mathematischen Detailerklärungen für solche Islamisten, die eigentlich auf Krawall-Propaganda gebürstet sind.

Themenschwerpunkt der ersten Ausgabe von "Kybernetiq" ist vor allem die Nutzung verschlüsselter Kommunikationssoftware. Im Fokus steht dabei die 2007 von Islamisten herausgegebene Software "Asrar al-Mujahideen", mit der sich al-Qaida und andere Gruppen mehr Unabhängigkeit von westlichen Verschlüsselungsprogrammen versprachen. "Kybernetiq" jedoch warnt die Leser davor, die Software weiter zu nutzen. Sie sei seit 2008 ("Asrar2") nicht mehr aktualisiert worden. Das Design sei schlecht, vor allem die verwendeten Algorithmen seien inzwischen "gebrochen oder stark abgeschwächt" worden.

Screenshot "Kybernetiq"
Das Hauptproblem an "Asrar al-Mujahideen" sei daher, dass die Metadaten trotz verschlüsseltem Email-Verkehrs von Geheimdiensten ausgelesen werden könnten. "Überwacher" seien zumindest in der Lage herauszufinden, "dass Verdächtiger A eine mit Asrar2 verschlüsselte Nachricht an Verdächtigen B versendet hat." Ein frei verfügbares Programm, welches überwiegend von Verdächtigen und gesuchten Terroristen benutzt werde, könne für die Nutzer des Programms dazu führen, dass Behörden jeden als eben solche "brandmarken" würden.

"Seid achtsam"

Auch andere von Jihadisten oft genutzte Verschlüsselungs-Software wie "Asrar al-Dardashah", "Asrar al-Ghurabaa" sowie die Smartphone-Anwendungen "Tashfeer al-Jawwal" und "Amn al-Mujahid Mobile" kommen bei den "Testern" schlecht weg. 

Spätestens seit den Enthüllungen des ehemaligen CIA-Informatikers Edward Snowden,  so der Autor, sei es wichtig sich "unter dem Radar" zu bewegen, sodass Behörden schon gar nicht erst auffallen könne, "dass man ein potenzieller Terrorist" sei. Stattdessen schlagen die Autoren Alternativen vor. So sollten die Leser vielmehr auf PGP-Verschlüsselung oder GnuPG (GNU Privacy Guard) setzen.

Bei letzterem handelt es sich im Gegensatz zu PGP um ein Kryptographiesystem, dass ausschließlich patentfreie Verschlüsselungssysteme verwendet. Im Magazin werden die Schritte detailliert erläutert, wie sich jeder Nutzer das Programm installieren und seine Kommunikation entsprechend absichern kann. "Nun liegt es an euch. Seid achtsam und euren Feinden immer einen Schritt voraus. Werdet nicht leichtsinnig und neigt nicht zur Paranoia.", appeliert "Kybernetiq" an die Leser.

Wie Islamisten - in diesem Fall IS-Anhänger -, ihre Leute zu einem "verantwortlichen" Umgang mit Kommunikationssoftware anhalten wollen, das zeigt exemplarisch das folgende Video.


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