Donnerstag, 21. April 2016

Ein Tag in Erzurum (II)



"Es gab immer Ärger"

Erkan und ich sitzen auf einer Parkbank neben der Lala Mustafa Pascha Moschee im Zentrum von Erzurum. Wir kommen auf sein Leben vor seiner geplanten Reise in den Jihad zu sprechen. "In Deutschland war alles schlecht für mich", erzählt er. "Ich habe ständig mit meiner Mam gestritten. Ich konnte nichts mit ihrem Lebensstil anfangen." Sie habe sehr freizügig gelebt, hätte Klamotten getragen, die ihm missfallen und peinlich gewesen wären. Erkans Freunde hätten üble Kommentare zu ihr abgegeben. Er habe sich dadurch düpiert und in seiner Ehre verletzt gesehen.

Von Heiner Vogel

Doch statt seiner Mutter gegen die Beleidigungen beizuspringen, begann er sich gegen sie zu wenden. Das Macho-Gehabe seiner überwiegend arabischen und türkischen Freunde führten dazu, dass Erkan anfing, seiner Mutter Vorschriften und Anweisungen zu geben. Sie solle sich anders anziehen, sich wie eine gute Muslima verhalten. Seine Mutter aber wies ihn zurecht, verstand den pubertären Sohn nicht, dem es eigentlich nie an etwas fehlte, wie aus seinem Umfeld kolportiert wird. Bei den alltäglichen Streitereien in der gemeinsamen Wohnung in Forstenried, schlug Erkan aus Wut immer öfters die Einrichtung kurz und klein.

"Es gab immer Ärger. Meine Mam war nachts nie zu Hause und hat den Tag über geschlafen. Sie hat nie etwas für mich gekocht. Es gab immer nur Fertigessen wie Pizza und so", erzählt Erkan. "Warum hast du dir nicht selbst etwas gekocht und ihr so etwas Arbeit abgenommen?", frage ich ihn provokant. "Ich hatte es ihr mal vorgeschlagen. Aber sie bestand immer auf Essen vom Türken", beteuert er.

"Sie war mütterlicher zu mir, als meine eigene Mutter"

Viel lieber trieb sich Erkan mit seinen Freunden auf der Straße herum, ließ sich von deren pseudo-islamkonservativen Weltsicht beeindrucken. Er spielte auch viel Fußball, im Verein und auf dem Schulhof. Dort will er auch Elif Ö. aus Euskirchen regelmäßig begegnet sein, damals 15 Jahre alt, die sich später dem IS in Syrien anschließen und sich als Rekrutierin einen Namen machen sollte. "Sie war in der 9. Klasse immer freitags an unserer Schule, wenn sie Wirtschaftsunterricht hatte", erzählt Erkan. "Wenn wir Fußball spielten, saß sie auf der Bank und hat uns zugesehen. Sie hat mir mal gesagt, dass sie sich für mich interessierte." Damals aber sei sie wie er noch nicht bei den Salafisten gewesen. "Sie hatte einen Unfall auf einer Brücke. Das hat sie sehr verändert." Vor ihrem Trauma sei sie freizügig und unter den Jungen sehr begehrt gewesen.

Doch auch Erkan veränderte sich mit der Zeit. Er surfte durch das Internet auf der Suche nach Anleitung. "Ich habe mir Videos von Pierre Vogel und Abou Nagie angeschaut." Das war schon 2014, als Erkan 12 Jahre alt war. Über die Facebook-Seite von "Die Wahre Religion" knüpfte er schließlich Kontakte zu den Münchner Aktivisten von "Lies!". Von einer Frau, die Chefin der Münchner Koranverteiler, wurde er in eine Whats App-Gruppe eingeladen. Dort las Erkan viele Monate mit.

Und dann war da noch Srwa N., die ältere Schwester seiner Mutter. Sie holte Erkan immer wieder zu sich nach Hause, bekochte und umsorgte ihn und ihren Sohn. Doch sie war auch eine bekennende Salafistin, verließ das Haus nur verschleiert und nahm gezielt auch Einfluss auf Erkan. Sie hetzte gegen seine Mutter und verurteilte sie für ihren westlichen Lebensstil. Noch heute vertritt Erkan die Meinung: "Sie war mütterlicher zu mir, als meine eigene Mutter." Auch die Freundschaft zum gleichaltrigen Sohn band ihn an seine Tante.

Anfang 2015 reisten Erkan und seine Mutter in den Urlaub nach Spanien. Doch auch dort gab es große Spannungen zwischen den beiden. Erschöpft suchte seine Mutter anschließend Hilfe bei der Caritas und dem Jugendamt. Auch Behörden wurden auf ihn aufmerksam. "Fast jeden Tag kam der Verfassungsschutz bei mir vorbei", behauptet Erkan. Doch auch die Behörden konnten Erkans Mutter nicht weiterhelfen. Die Folge: Er kam in ein Jugendheim in Dachau. Dort fingen die Probleme erst richtig an. "Das war so asozial dort", sagt Erkan. "Die Leute dort haben geraucht, Alkohol getrunken und Drogen genommen." Es sei dort schlimmer gewesen, als zu Hause bei seiner Mutter. Er habe nur noch weg gewollt.

"Ich dachte, da unten sind alle IS"

Berliner Prediger Ahmad Abul Baraa
Doch das konnte er nicht so einfach. Also tauchte er ein in die Münchner Salafisten-Szene. 2015 stand er sechs Mal am Stand der Koranverteiler von "Lies!". Dort soll er sich laut Augenzeugen selbstbewusst verhalten und Diskussionen nicht gescheut haben. "Ich verbrachte viel Zeit mit den Leuten von "Lies!". Es waren vor allem Araber. Wir haben zusammen gefastet und sind jeden Freitag nach der Schule zum Beten in die Al-Salam Moschee gegangen."

Die Moschee im Münchner Stadtteil Sendling gilt als Treffpunkt vieler Salafisten. Erkan besuchte auch mehrere Seminare des berüchtigten Predigers Abul Baraa aus Berlin. Dort, so der 14-Jährige, habe er das Beten gelernt und wie man richtig fastet.

"Wurde dort über den Jihad gesprochen?", frage ich Erkan. Er schüttelt den Kopf. "Es ging wirklich nur um grundlegende Dinge im Islam." "Und bei "Lies!"?" Erkan nickt. "Ja, es wurde häufig darüber diskutiert. Vor allem aber ging es eher um al-Qaida, weniger um den IS. Da haben die Leute dann zum Teil gesagt, dass sie die gut finden." Er habe zu dem Zeitpunkt aber gar nicht gewusst, welche Gruppe in Syrien kämpfte. "Ich dachte, da unten sind alle IS."

Doch nicht die Leute von "Lies!" brachten Erkan auf die Idee vom Jihad. Seine Tante Srwa N. sollte ihren Neffen schließlich dazu verleiten.