Montag, 18. April 2016

Ein Tag in Erzurum (I)


Erkan* reist im letzten Jahr in die Türkei, um sich dem IS in Syrien anzuschließen. An der türkisch-syrischen Grenze strandet er schließlich. Durch Zufall schreibt er einen Beobachter-Account von "Erasmus Monitor" an. Mit Hilfe von Behörden gelingt es den Jungen noch rechtzeitig aufzuhalten. Danach gilt Erkan als verschollen. Anfang dieses Jahres gelingt es dem Blog, einen Kontakt zu dem 14-Jährigen herzustellen. Im Februar dann reist "Erasmus Monitor" nach Ostanatolien. Dort kommt es zu einem ersten Aufeinandertreffen.

Das türkische Sibirien

Auf dem großen Platz vor der Yakutiye Madrasa in Erzurum warte ich auf Erkan. Es ist der 27. Februar, ein sonniger Samstagnachmittag. Man sieht viele Familien in der Stadt an diesem Tag. Sie nutzen das Wetter, um zu flanieren und sich in der Sonne etwas aufzuwärmen. Hier im Yakutiye Park dösen Männer und Frauen selbstvergessen auf den Parkbänken, Jugendliche fahren vergnügt auf ihren Rollern und Fahrrädern über den gepflasterten Platz.

Der Winter in Erzurum ist wie üblich hart gewesen. Die Stadt im Osten der Türkei lag monatelang unter einer dicken Schneedecke. Kein Wunder, denn Erzurum liegt auf einem Hochplateau in fast 2000 Metern über dem Meeresspiegel. Sie wird deswegen auch das türkische Sibirien genannt. In den Wintermonaten bildet sie eine Insel inmitten eines schier endlosen Meeres aus Schnee, im Sommer ist sie umgeben von kahl-grüner Steppe. Immerhin, heute zieht es in den eisigen Monaten viele türkische Touristen nach Erzurum. Der nahe gelegene Palandöken Dağı gehört zu den beliebtesten Winterurlaubszielen des Landes.

Hierhin also hatte es Erkan verschlagen. Ein Ort, den türkische Professoren und Militärs früher zuweilen als eine Art Strafkolonie betrachtet hatten, wo niemand länger bleiben wollte als nötig.

Erkan lässt auf sich warten, verabredet hatten wir uns um halb drei. In der Menschenmenge versuche ich ihn zu erhaschen. Nur ein paar Fotos kenne ich von ihm. Einige zeigen ihn bei der Lies!-Aktion in München, ein weiteres hatte er auf Facebook hochgeladen. Im Dezember hatte ich ihm über das soziale Netzwerk eine Nachricht geschrieben. Wie es ihm nun gehe, fragte ich ihn. Die Chance, dass er mir jemals zurückschreiben würde, demjenigen, der ihn mithilfe von Sicherheitsbehörden im Juli letzten Jahres auf dem Weg nach Syrien aufgehalten hatte, war äußerst gering. 

Doch drei Monate später meldete sich Erkan. Was er erzählte war erschütternd. Und es erinnerte an einen anderen prominenten deutschen Fall, der jahrelang im illegalen US-Haftlager Guantanamo saß, weil deutsche Diplomaten bewusst untätig geblieben waren.

"Schau!"

Ich sehe einen schlaksig gekleideten Jungen über den Platz laufen. Rote Sportjacke, schwarze Jogginghose, ockerfarbene Winterstiefel. Seine langen Haare hat er locker zur Seite gekämmt. Ich gehe auf ihn zu. „Erkan?“ Der Junge nickt leicht verunsichert. Wir mustern uns für eine kurze Zeit lang gegenseitig. Erkan ist für sein Alter schon ungewöhnlich groß. Einen Moment lang denke ich an die Warnungen aus Deutschland. Der Junge könne immer noch radikalisiert sein und auf Rache sinnen. Doch Erkans schmale Statur und der fast schon ängstliche Blick lassen solche Gedanken in den Hintergrund treten. „Sollen wir ein Stück laufen?“, frage ich ihn. Erkan nickt wieder.

Wir spazieren für ein paar Minuten schweigend über den Yakutiye Platz. Tauben kreuzen unseren Weg, die sich von Passanten mit Brotkrumen füttern lassen. „Schau!“, sagt Erkan plötzlich und zeigt auf ein großes Gebäude vor uns. Graue Kuppeln und ein Minarett zieren das Dach „Das ist die Lala Mustafa Pascha Moschee. Die haben die Osmanen gebaut.“ Ich gebe mich erstaunt, schlage vor uns auf eine Steinbank direkt neben der Moschee zu setzen. Erkan willigt ein.

„Wie geht es dir, Erkan?“, frage ich ihn. Der Junge überlegt kurz. „Mir geht es eigentlich gut.“ Ich schaue ihn an. Was er denn davon halte, denjenigen zu treffen, der ihn im Juli letzten Jahres auf seiner Reise ins Kalifat aufgehalten hatte. Erkan lächelt verlegen. „Weis nicht“, flüstert er und schiebt gleich hinterher: „Ich wollte auch nie ein Kämpfer werden, sondern nur in Syrien leben.“ Ich schaue ihn fragend an. „Aber du hast mir doch damals geschrieben, du könntest ohne weiteres eine Kalaschnikow tragen und damit kämpfen?“ Erkan winkt ab. „Ja, ich wollte doch nur über die Grenze, egal wie.“

"Ich wusste nie, dass ich Kurde bin."

Wir schweigen für einen kurzen Moment. Ein kleiner Junge kommt zu uns und bietet Taschentücher zum Verkauf an. Ich schüttele den Kopf. Erkan grinst und antwortet ihm etwas auf Türkisch. Der Junge versucht es noch ein zweites Mal, diesmal mit einem flehenden Gesichtsausdruck. Im burschikosen Tonfall schickt Erkan ihn weiter. „Du bist wohl der erste blonde Europäer, den er in seinem Leben gesehen hat“, witzelt er. Der Münchner wirkt nun entspannter. In Istanbul hatte ich viele dieser Straßenverkäufer gesehen. Es waren vor allem syrische Kinder und Frauen, die häufig mit Alltagsutensilien bei Passanten um ein wenig Geld bettelten. „Nein, das ist ein Kurde“, sagt Erkan, als hätte er meinen Gedanken erraten. „In Erzurum leben viele Kurden.“

Lala Mustafa Pascha Moschee/Erzurum
Der Krieg zwischen türkischer Regierung und kurdischen Milizen hinterlässt auch in Erzurum seine Spuren. Diyarbakir, eine Hochburg der PKK und mittlerweile so zerbombt wie das syrische Aleppo, liegt nur 200 Kilometer von Erzurum entfernt. Viele Bewohner sind deswegen in den Norden geflüchtet, auch hier her. Erkan berichtet, dass es in der Stadt immer wieder zu Anschlägen kommt. Vor allem die Armee ist das Ziel, die in Erzurum mehrere größere Stützpunkte unterhält, streng abgeschirmt von der Außenwelt. Ich sehe Erkan an, dass ihn das Thema sehr beschäftigt. 

Wochen vor unserer Begegnung hatte er, der von Medien als "Terror-Bubi" und "Jihadist" bezeichnet worden war, von einer Erkenntnis berichtet. "Ich wusste nie, dass ich Kurde bin", schrieb er mir. Erst als er in Erzurum erstmals Kurmandschi hörte, die kurdische Sprache, habe er erkannt, wo seine Wurzeln als Kind einer irakisch-stämmigen Mutter eigentlich lagen. Jahrelang habe sie ihm seine wahre Herkunft verschwiegen. Er sei sehr wütend auf sie. Denn wenn sie sich mit Verwandten in der damals für ihn unbekannten Sprache unterhielt, habe sie ihm nie auf seine Fragen geantwortet. Für die Mutter schien das Leben in Deutschland entscheidend zu sein, nicht die Vergangenheit. Erkan wollte aber Antworten auf seine Fragen.

Die Suche nach Identität und Heimat, sie beschäftigt den ohne Vater aufgewachsenen Münchner schon seit Jahren. Doch sie führte auch zu den vielen Problemen, die Mutter, Lehrer und Behörden teilweise zur Verzweiflung brachten. Die ungeplant lange Zeit in der Türkei weckten in Erkan urplötzlich neue Interessen und Fähigkeiten: für Sprachen zum Beispiel, aber auch Kultur und Politik. "Ich kann mittlerweile fünf Sprachen sprechen: Deutsch, Englisch, Arabisch, Kurdisch und Türkisch", berichtet er stolz von sich. Auch hege er Sympathien für den Todfeind des IS, die PKK. Es sei zwar nicht gut, dass die Gruppe Anschläge auf Türken verübe, doch die Kurden hätten ein Recht auf Selbstbestimmung.

Reifer scheint Erkan heute zu sein. Als er noch im letzten Sommer versuchte nach Syrien zu reisen, hatte er von Dingen wie Politik keine Ahnung. Er wusste nicht einmal, wer in Syrien eigentlich gegen wen kämpfte. Jetzt, nach einer monatelangen Odyssee durch die Türkei mit vielen zum Teil eindrücklichen Erlebnissen, scheint er ein bisschen erwachsener geworden zu sein, erzwungenermaßen.

*Name geändert