Sonntag, 29. Mai 2016

Der Feldzug des "Bruder Sabri"

Sabri Ben Abda war jahrelang ein gern gesehener Gast in der Salafisten-Szene. Ob bei Ständen von "Lies!", auf Islamseminaren oder bei sog. Benefizveranstaltungen für Syrien: Überall war der Kölner mit seiner Kamera dabei und filmte für propagandistische Zwecke. Nach und nach erwarb sich Ben Abda in der Szene den Status einer Kultfigur. 

Doch nun scheint alles vorbei zu sein. Ben Abda bekennt sich offen zum neu gegründeten Kalifat des sog. Islamischen Staates (IS). Schon seit einigen Monaten nutzt er seine Kenntnisse in Grafikdesign und Videobearbeitung, um gegen alle zu hetzen, die sich nicht dem Diktat der Miliz unterwerfen wollen.

Der Lausbub von nebenan

Wenn Sabri Ben Abda irgendwo in der deutschen Salafisten-Szene auftauchte, scharten sich die jungen Leute um ihn. Er war ein kleiner Star unter den Islamisten. Nicht nur seine markant hohe Stimme erkannten die Leute sofort. Wenn der Kölner eine Kamera in seiner Hand hielt, wussten die Umstehenden, es würde an diesem Tag wieder hoch hergehen.

Und dazu kam es dann auch in der Regel. Dem Deutsch-Tunesier war keine Aktion zu peinlich, um die Aufmerksamkeit seiner Anhänger sowie von Medien und Passanten auf sich zu ziehen. Wie ein Regisseur dirigierte er Szene-Jünger auf der Straße, führte Journalisten in Interviews vor und spielte zugleich den sympathischen Lausbub von nebenan. Seine wahren Ambitionen und seine große Nähe zum islamistisch-militanten Lager zeigte Ben Abda vor allem dann, wenn er sich an seinen heimischen PC setzte und seiner Kreativität freien Lauf ließ.

Mithilfe von Bildbearbeitungsprogrammen wie "Photoshop" produzierte der heute 35-Jährige seit Ende der 2000er Jahre aus seinen abgedrehten Videos Propagandamaterial wie am Fließband und prägte damit jahrelang wie kein zweiter die Medienlandschaft der salafistischen Szene. Seine Arbeiten dockten vor allem an die Populärkultur internetaffiner Jugendlicher an. Ob gestellte Kurzdokumentationen über "rechtgeleitete" Kriminelle, Interviews mit führenden Predigern und neuen Rekruten oder als "Faktenchecks" verkaufte Weltverschwörungsszenarien: Ben Abda versuchte ein breites Themenspektrum abzudecken.

"Jetzt ist genug!"

Beißender Humor und islamistische "Satire" gehörten bei seiner Arbeit stets dazu. Das kam bei der Jugend gut an, bei Teilen der militanten Szene - vor allem die Leute von Millatu Ibrahim - provozierte der Kölner auch Kritik. Die meisten störten sich daran, dass Ben Abda in seiner Propaganda und auch gegenüber Journalisten kein Blatt vor den Mund nahm. Auch nicht, wenn es um "Brüder im Glauben" ging.

Die späteren IS-Kämpfer Christian Emde und Robert Baum, die 2011 in Großbritannien mit Anschlagsplänen im Gepäck festgenommen und verurteilt worden waren, bezeichnete er als "Agenten" und "Spione". Auch Murat K., der bei den Bonner Protesten 2012 gegen die rechtsextreme Gruppierung "Pro NRW" zwei Polizisten niedergestochen hatte, bezeichnete Ben Abda als "Agenten", der vom Staat bezahlt worden sei, um die "Muslime in ein schlechtes Licht zu rücken". Da platzte sogar dem damaligen Chefideologen von "Millatu Ibrahim", Mohamed Mahmoud, der Kragen. "Das reicht lieber Bruder, jetzt ist genug!", rief er ihm zu.

Doch Ben Abda unterschied sich von den militanten Salafisten auch nur in seinem pubertären Habitus. Auf Kanälen wie "Der Informierer", "Sabrifilms", "Independet Journalists" oder "Habibiflo" kritisierte er die Außenpolitik westlicher Staaten vor allem im nahen Osten und in Asien. Egal was in Palästina, im Irak, in Afghanistan oder in nordafrikanischen Staaten passierte, für ihn galten die "Kreuzritter" aus den USA und Europa als die Ursache allen Übels. Dieses für die salafistische Szene häufig bemühte Motiv (dass freilich nicht jeglicher Grundlage entbehrt), verband Ben Abda geschickt mit Anspielungen auf den Jihad. Er rief die Muslime dazu auf, sich gegen die Unterdrückung der "Kuffar" und Schiiten zu wehren, sonst drohe für jeden einzelnen großes Ungemach.

Ben Abdas propagandistische Ambitionen wurden nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs deutlicher denn je. In zahllosen Medienproduktionen mit teils grausam inszenierten Kriegsbildern, versuchte er die Emotionen beim Zielpublikum hochkochen zu lassen. Dies geschah auf "Islamseminaren", "Benefizveranstaltungen" von Organisationen wie "Helfen in Not", bei Treffen in kleinerer Runde oder auch direkt vor dem Eingang eines Gefängnisses. Ob IS-Kämpfer Riza Y. aus Frankfurt, Munir I. aus Pforzheim oder der kürzlich festgenommene Bielefelder Syrien-Rückkehrer Tarik S., sie alle waren vor ihrer Reise in den Jihad von Ben Abda mitunter stark beeinflusst worden.

Der nämlich hatte zwischen 2013 und 2014 selbst mehrere Reisen nach Syrien unternommen. Mit "Helfen in Not" und dem von Mirza B. (auch genannt "Bruder Timur") geführten Verein "OPH", hielt er sich mehrere Wochen in den Kriegs- und Herrschaftsgebieten radikaler Islamistengruppen in Idlib und Aleppo auf. Dort drehte er eine Vielzahl von Propagandavideos und versuchte dabei das Leben in "Sham" zu glorifizieren.

"Hör auf Fitna zu stiften"

Mit der Ausrufung Abu Bakr al-Baghdadis zum Kalifen, stellte sich Ben Abda demonstrativ auf die Seite des IS. Während sich seine Freunde und langjährigen Weggefährten wie Sven Lau, Pierre Vogel oder Ibrahim Abou Nagie noch abwartend verhielten, war für Ben Abda mit dem Kalifat das eigentliche Ziel des Jihads in Syrien erreicht. In zahlreichen Diskussionen mit Leuten aus der Szene offenbarte der Kölner seine radikale Meinung.

"Good Propaganda"
Viele seiner Bekannten und Freunde wandten sich daraufhin von ihm ab, erklärten ihn wegen seiner Argumente für verrückt oder als "Takfiri" (Übertreiber). Er sehe nicht ein, so ein häufiger Vorwurf, dass der IS die "Mujahideen" von Jabhat al-Nusra und Co. in ihrem Kampf gegen Diktator Assad fundamental schwächen würde. Für Ben Abda war die Sache aber klar. Jeder, der sich gegen die Idee des IS-Kalifats stellen würde, verrate das vermeintliche Ziel des Islams: Die Weltherrschaft.

Durch seine Verbannung aus der ersten Reihe der deutschen Salafisten, ging Ben Abda in den "Untergrund" und zugleich in die propagandistische Gegenoffensive über. Vor allem auf "Facebook" und "Telegram" startete er ein halbes Dutzend Seiten, auf denen er fast jeden Tag Bilder und Videos veröffentlichte. Bekanntere darunter hießen bzw. heißen "SBAmedia", "Dawa Pics" oder "Good Propaganda".

Den Erfahrenen unter den Salafisten war stets klar, wer sich hinter diesen Seiten verbarg. Privat diskutierte man in der Szene darüber, wie auf Ben Abdas Provokationen reagiert werden sollte. Einig war man sich darin, dass der Streit mit dem Kölner erstmal eine interne Angelegenheit bleiben sollte. Einige suchten das direkte Gespräch mit Ben Abda und versuchten ihn von seiner "Ghiba" (üble Nachrede) gegen "Brüder" und der "Fitna" (Unfrieden stiften) abzubringen.

Doch Ben Abda kümmerten die Vermittlungsversuche seiner Szene-Kollegen herzlich wenig. Vielmehr überschüttete er mit seiner Propaganda Prediger, Vereine und andere Salafisten mit Häme und Spott. Besonders auf Pierre Vogel schoss er sich ein und kritisierte ihn dafür, dass er sich von den IS-Anschlägen in Paris und Brüssel öffentlich distanziert hatte. Mediation half also bei Ben Abda nicht weiter.

Die Geduld sei irgendwann zu Ende, hieß es dann in einem Blogbeitrag zu Ben Abda auf der "Facebook"-Seite von "Muslim Mainstream" im April dieses Jahres. "Es haben mehrere versucht mit ihm vernünftig zu reden, wir wollten ihn auch bei einem muslimischen Arzt einweisen lassen, doch zwecklos", so der Autor der Seite, an der auch Ben Abda einmal mitgewirkt hatte. Dieser, so "Muslim Mainstream", ziehe die Prediger in den Dreck, die gegen den IS seien. Mit ihm reden nütze nichts. Und man könne es nicht mehr mitansehen, was der Kölner auf seinen Seiten fabriziere. "Zieh dich zurück und hör' auf Fitna zu stiften. Dieses Land ist sowieso außer Kontrolle, wenn es um Islam geht. Da brauchen wir keinen weiteren Unruhestifter."

Tritt selten mit dem Gesicht vor die Kamera: Abu Walaa
Doch Ben Abda denkt nicht daran sich zurückzuziehen. Stattdessen forciert er die Vernetzung seiner mit anderen deutschsprachigen Propagandaseiten. Und noch eine weitere Beschäftigung scheint der 35-Jährige gefunden zu haben. Er hat sich offenbar mit dem Hildesheimer Prediger Ahmad Abdulazi Abdullah ("Abu Walaa") zusammengetan. Davon zeugt der grafisch anspruchsvolle Medienoutput ("Manhaj Media"; "Black Cinema"), der derzeit auf den einschlägigen Seiten des Predigers zu beobachten ist. 

Abdulazi Abdullah, der sich im Internet mit "al-Manhaj" zunehmend bei Salafisten bemerkbar macht, wird ebenfalls dem deutschen IS-Lager zugerechnet. Aus dem Umfeld des DIK Hildesheim, wo der irakisch-stämmige Prediger in der Vergangenheit häufig auftrat, sollen mehr als ein Dutzend Personen in den Jihad nach Syrien gezogen sein.