Donnerstag, 17. November 2016

Abu Walaa und der "al-Baghdadi-Fanclub"

Jahrelang konnte der irakische Prediger Abu Walaa in Deutschland Menschen zum Jihad aufstacheln. Bei den Behörden galt sein Vorgehen als hochkonspirativ. Doch der Mann machte  irgendwann Fehler. Nun sitzt er in Untersuchungshaft.

Abu Walaa: Händler, Prediger

Ahmad Abdulaziz Abdullah mag keine Kameras. Und wenn doch mal eine lief, sorgte der Prediger schnell dafür, dass sie abgeschaltet oder hinter seinem Rücken positioniert wurde. Er wollte gesichtslos bleiben für die breitere Öffentlichkeit. So sah man Abdullah oftmals nur von hinten unter einer rot-weiß karierten Kufiya, die an seinem weißen Thawb herunterhing. Mit dem Aufstieg des IS im Jahr 2014 zur interkontinental vernetzten Terrororganisation, neigte Abdullah zunehmend dazu sich einen schwarzen Turban um den Kopf zu wickeln, ganz so, wie der selbsternannte IS-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi bisher aufzutreten pflegte.

Ahmad Abdullah alias Abu Walaa
Abu Walaa: Unter diesem Namen trat Ahmad Abdullah seit Ende der 2000er Jahre in der deutschen Salafisten-Szene auf. Sein biografischer Hintergrund ist weitgehend unbekannt. Er stammt aus dem Irak, kam als Minderjähriger nach Deutschland. Er betrieb mehrere Textilwarenläden, u.a. in Braunschweig und Wolfsburg. Zwei Ehefrauen soll er haben, die eine wohnt in einem Vorort von Krefeld, die andere lebt in einer vornehmen Gegend bei Hildesheim. Wie Abdullah sich radikalisierte ist unklar. Überhaupt bleibt sein familiärer Kontext im Dunkeln, auch wenn anzunehmen ist, dass er angesichts seiner islamischen Expertise und den zugleich dürftigen Deutsch-Kenntnissen aus einer islamisch konservativen Familie stammt.

Ab etwa 2008/2009 zog Abdullah durch seine Koran-Rezitationen und vorgetragenen Anashids (islamische Lieder) zunehmend Interessierte an. Vor allem die Frankfurter Szene-Größen wurden auf ihn aufmerksam und warben bei dem Iraker darum, sich stärker bei ihnen zu engagieren. Und das tat er auch.

"DawaFFM, die Brüder aus Frankfurt, Walahi, müssen wir Brüder unterstützen!", warb der Prediger bei seinen Jüngern und forderte sie zu Spenden auf. Die von Abdellatif Rouali alias "Sheikh Abdellatif" angeführte Gruppierung, die in Frankfurt am Main ihr operatives Zentrum hatte, wurde 2008 gegründet und versuchte mittels Internetpropaganda und Seminaren neue Anhänger für die Salafisten-Szene zu ködern. Vor allem junge Männer und Konvertiten versuchte man über islamistische Indoktrinierung und Freizeitaktivitäten wie Grillfeste und Fußball-Turniere an sich zu binden.

Abdellatif Rouali lauscht dem Gesang von Abu Walaa
Es war wohl auch Rouali, der von Ahmad Abdullah angetan war und ihn zunehmend in die Aktivitäten von "DawaFFM" einband. In mehreren Moscheen in Kassel und Frankfurt, wo auch Rouali häufig predigte, trat "Abu Walaa" auf. In der Folge nahm der Iraker an zahlreichen Seminaren und Auftritten des Dawa-Netzwerks teil. Wie viele Prediger nutzte Abdullah die im Zuge des syrischen Bürgerkriegs aufgeheizte Atmosphäre für die Verbreitung jihadistischer Narrative.

Im Rahmen von "Benefiz-" und Spendengalas für salafistische Hilfsorganisationen wie "Helfen in Not" zwischen 2012 und 2013 tauchte sein Name häufiger auf Flyern auf. Ob in Hamburg, Dortmund oder Duisburg: Abdullah trat neben den bekanntesten Predigern wie Pierre Vogel, Said el-Emrani, Brahim Belkaid, Ahmad Armih und Sven Lau vor einem größeren Publikum auf.

Unbekannter in der ersten Reihe

Abdullahs kometenhafter Aufstieg  an die Spitze der deutschen Salafisten war bemerkenswert. Bei vielen Anhängern war er dennoch kaum bekannt. Langjährige Szene-Leute berichteten, dass sie mit dem jungen Mann, der für sich den religiösen Titel "Sheikh" der Tajwid-Wissenschaft in Anspruch nahm, nicht viel anfangen konnten oder ihn bis vor kurzem gar nicht kannten. Das hat mit der von Ahmad Abdullah bewusst gewählten konspirativen Vorgehensweise zu tun und auch damit, dass er nicht der vereinnahmende Charismatiker war wie die anderen Prediger. Er galt als eher autoritär mit elitärem Habitus, der sich zu fein war auf der Straße mit den Leuten in Kontakt zu treten - und zu einfach gestrickt, um die erfahrenen Leute an sich zu binden.

Mit dem Verbot von "DawaFFM" 2013 durch den damaligen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hatte die Zusammenarbeit zwischen Abdullah und den Predigern nur formal ein Ende. Im Rahmen des damaligen Verbots- und Durchsuchungsverfahren wurde auch er in seinem Braunschweiger Textilladen von der Polizei besucht. Doch auch danach trat Ahmad Abdullah gemeinsam mit anderen Predigern auf, verkehrte besonders häufig in der marrokanischen Bilal-Moschee in Frankfurt und in der ar-Rahman-Moschee in Kassel. 

Ahmad Abdullah in der Frankfurter Bilal-Moschee
Seine Stamm-Moschee befand sich in der Kleinstadt Hildesheim in Niedersachsen. Seit 2012 hatte sich hier ein "Deutschsprachiger Islamkreis" (DIK) gegründet und in der Nähe eines großes Friedhofs ein Haus bezogen. Zahlreiche meist junge Männer aus Hildesheim und den benachbarten Städten pilgerten zu den Freitagspredigten und Seminaren von Abdullah. Es waren vor allem unerfahrene Leute mit geringem religiösem Hintergrundwissen, die sich von dem geheimnisvollen, fast schon prophetischen Gehabe des Predigers angezogen fühlten. Abdullah lud sie an Silvester in die Moschee ein, veranstaltete dort ausgedehnte, bis zu 10-tägige Koran-Seminare. Dass der Mann bei seinen Tätigkeiten nicht nur über 'Aqida und Tajwid dozierte, sondern auch in Hinterzimmern direkt auf den Jihad in Syrien zu sprechen kam, das war damals - 2012, 2013 - in der Salafisten-Szene kein Geheimnis.

Eine Frage der Loyalität

Mit dem Aufstieg des IS Mitte 2014 zur Regionalmacht in Syrien und Irak, kam es allmählich in der deutschen Prediger-Zunft zu Unstimmigkeiten. Denn der IS hatte sich als vormals wichtiger Verbündeter der syrischen Rebellen gegen genau diese gewandt. Alle Gruppen, die nicht den Treueschwur auf den selbsternannten Kalif Abu Bakr al-Baghdadi geleistet hatten, wurden zu Abtrünnigen erklärt und rücksichtslos massakriert. Zu den "Feinden Allahs" gehörten auch  diejenigen, die in den Ländern der "Kuffar" lebten und nicht die Hijra in den IS vollziehen wollten. Dazu zählte also auch die versammelte salafistische Prediger-Gemeinde in Deutschland. Umso schneller distanzierte sich ein Prediger nach dem anderen von der irakischen Terrororganisation. Aber nicht Ahmad Abdullah.

Online-Plattform von Abu Walaa: al-Manhaj
Als Iraker hatte er wohl einen anderen Zugang zu den Geschehnissen in seinem Heimatland. Und zugleich eröffnete sich ihm durch den Bruch mit den einstmals vertrauten Berufskollegen die Chance zur Eigenprofilierung. Denn immerhin gab es in der salafistischen Szene nicht nur IS-Gegner. Ein kleiner Teil, mehrere hundert Menschen, betrachtete die al-Baghdadi-Truppe als legitimen Nachfolger der Sahabah.

Abu Walaa ging seinen eigenen Weg. 2015 startete er ein Online-Portal namens "Al-Manhaj", auf dem die "lieben Geschwister" kostenlos per Livestream seinen Lehren folgen konnten. Von Montag bis Sonntag boten er und seine Helfer abends Kurse dort an. Nicht nur dadurch stieg der Bekanntheitsgrad von Abdullah, sondern auch mit seinen Videos auf Plattformen wie Youtube und Facebook verschaffte er sich Gehör. Aus Hildesheim waren zu diesem Zeitpunkt schon einige seiner Anhänger nach Syrien ausgereist. Er selbst stand bei den Behörden ganz oben auf der Liste, V-Leute besuchten seine Veranstaltungen in regelmäßigen Abständen.

Der große Knall

Dann kam der Jahreswechsel und Abdullah beging einen wohl folgenschweren Fehler. Er holte einen bekannten Medienprofi ins Boot, den Kölner Sabri Ben Abda. Der hatte sich mit seinem äußerst rüpelhaften Verhalten gegenüber Journalisten Anfang der 2010er Jahre einen Namen in der Salafisten-Szene gemacht. Auch er hatte sich 2015 mit den Predigern und einstigen Weggefährten überworfen. Auf Facebook-Seiten wie "SBAmedia" verbreitete der Kölner seitdem in eigener Regie IS-Propaganda und rechnete dabei mit vielen ehemaligen Freunden wie Pierre Vogel und dem Koranverteiler Bilal Gümüs ab. Sie waren einst alle mehr oder weniger ein Team. Noch Ende 2014 verteilte Sabri Ben Abda für "Lies!" Korane in London.

Es tauchten neue Propagandaseiten im Internet auf. "Dawa Pics" war eine von ihnen. Mittlerweile gibt es davon gut ein Dutzend Ableger unter anderen Namen. Auch dafür war der Deutsch-Tunesier Ben Abda verantwortlich. Viel auffälliger an dieser und anderen Seiten war die Häufigkeit des Materials, in dem Abu Walaa genannt wurde. Aufwendig gestaltete Werbe-Flyer für dessen Seminare, Videos im Stile der IS-Propaganda, und die öffentlichen, teils sehr persönlichen Angriffe auf das gegnerische Lager trugen die Handschrift von Ben Abda.

Schließlich brachen dann vor einigen Monaten alle Dämme. Per Telefon und Internet lieferten sich die Parteien von Abu Walaa und Pierre Vogel heftige verbale Auseinandersetzungen. Anhand ihrer Kenntnisse von Koran und Sunnah wollten sich die Prediger eigentlich über die Legitimität des IS streiten. Treffen wurden angesetzt, die schließlich nicht zustande kamen. Dann wurden von beiden Seiten mehrere Videos veröffentlicht, in denen sie sich gegenseitig Falschaussagen vorhielten. Der Konflikt artete schließlich in wüsten Beschimpfungen aus. Abdullah und Ben Abda betitelten Vogel im IS-Jargon als "Kreuzritter", "Verräter" und "Murtad" (Abtrünniger). Den einst "geliebten Bruder" Bilal Gümüs bezeichnete Ben Abda als "Fitna-Panzer".

Screenshot
Die Vogel-Fraktion schlug hart zurück. Auf Facebook warnte der Frankfurter Prediger in aller Deutlichkeit vor dem "al-Baghdadi-Fanclub" und den "Hunden der Hölle" aus Hildesheim. Anfang September organisierte er sogar eine "Anti-IS- Demo" in Bremen. Zwischen Bilal Gümüs und Kreativkopf Ben Abda knallte es besonders heftig. "Was macht dein Auto Brudi?", fragte Gümüs den ehemaligen Kumpel, der im vergangenen Jahr noch bei ihm in der Wohnung übernachtete. Offenbar hatten Handlanger von Gümüs Ben Abdas Wohnort aufgesucht und den Seitenspiegel seines Autos demoliert. Eine Eskalation. "Komm dich bald wieder besuchen in scha Allah", drohte Gümüs und schickte ihm ein Foto von dessen Briefkasten.

Nachdem Spezialkommandos der Polizei im Juli dieses Jahres das DIK Hildesheim gestürmt hatten, suchte Ahmad Abdullah die Schuld vor allem bei Pierre Vogel.  Er sei ein Spion und habe mit den Behörden kooperiert. Dass die Geheimdienste ihn schon lange im Fokus und in seinem Umfeld auch V-Leute eingesetzt hatten, das erkannte er offenbar erst, als es schon zu spät war. Im September schrieb Abu Walaa bei seinen Anhängern einen Mann zur Fahndung aus. Ein "buckliger" Mann namens Murad, etwa 35 Jahre alt, Türke "mit großen Augen", "oft am Lügen" und in Seminaren und bei Vorträgen häufig anwesend, sei wohl ein "Spion" gewesen, schrieb er auf Facebook. An anderer Stelle wurde sogar zum Mord an dem Mann aufgerufen. "Wer diesen Murtadd kennt, soll ihn zuerst zur Taubah (Reue) aufrufen. Wenn er verweigert oder den Aufruf ignoriert, dann gibt es für ihn keine andere Wahl mehr, außer die Reaktion eines Löwen zu spüren!" Für jeden "Stich" bot man 200 Euro.

Als dann der IS-Rückkehrer Anil O. kürzlich auspackte und Ahmad Abdullah der führenden Rolle bei der Ausreise und Vermittlung von Jihadisten zum IS bezichtigte, war das Maß bei den Behörden offenbar voll. Nun sitzt Abu Walaa gemeinsam mit vier weiteren Personen in Untersuchungshaft. Ob und wann er angeklagt wird, ist unklar.