Dienstag, 29. November 2016

Ein Hanauer in Aleppo: "Die Lage sieht etwas schlecht aus"

Der Hanauer Samet D. reiste nach Syrien, um sich dem Jihad anzuschließen. Kurze Zeit später tauchte er in einem Propagandavideo einer al-Qaida-Gruppe auf. Danach verlor sich lange Zeit seine Spur, bis er als Kriegsreporter wieder auf der Bildfläche erschien. Recherchen von "Erasmus Monitor" haben ergeben, dass der 23-Jährige nun in Ost-Aleppo eingeschlossen ist. English version

Von Heiner Vogel

Ein Hanauer in Syrien

Anfang September dieses Jahres gab es für Samet D. keinen Ausweg mehr. Regierungstruppen des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad war es gelungen die letzte Versorgungsroute in die von Rebellen besetzten Stadtteile von Ost-Aleppo zu blockieren. Wenige Wochen zuvor hatten vor allem al-Qaida nahe Jihadisten-Gruppen wie "Jabhat Fateh al-Sham", "Ahrar al-Sham" und die "Islamic Turkistan Party" diesen Korridor im Süden der Stadt unter hohen Verlusten freigekämpft. Kämpfer, Ausrüstung und einige Nahrungsmittellieferungen waren dadurch in den belagerten Osten gelangt, bevor die Armee eine Gegenoffensive gestartet hatte. Samet saß damit in der Falle. Doch wie geriet der heute 23-jährige Deutsch-Türke überhaupt in diese lebensbedrohliche Situation?

Samet D. kommt aus Hanau, eine Kleinstadt östlich von Frankfurt am Main. Dort besuchte er die Schule, absolvierte anschließend in Frankfurt eine Lehre zum Mediengestalter. Er drehte mit anderen Azubis Videos für Party- und Musikveranstaltungen. Lange Zeit spielte er auch Fußball und galt als talentiert.  Dann kam eine intensive, wenn auch kurze Zeit, in der er sich unter die Salafisten mischte. In einer Hinterhofmoschee im Hanauer Industriegebiet soll er ein und aus gegangen sein. Dort predigte ein junger Mann namens Aziz M., der Besitzer einer Imbissbude. Welche Rolle er bei der Radikalisierung seiner Schützlinge hatte ist unklar. Samet D. sagte dem Blog, er habe "nie wirklich irgendeine Verbindung zu Aziz M." gehabt. Er sei allenfalls "paar Mal" bei ihm zum Essen gewesen.

Jedenfalls reisten mehrere junge Männer aus diesem Umfeld, darunter auch D., 2013 bzw. 2014 über die Türkei nach Syrien aus. Doch es war nicht der "Islamische Staat" (IS), der Samet in das "gesegnete Land der Ehre" gelockt hatte. Der syrische Ableger des al-Qaida-Netzwerks "Jabhat al-Nusra" hatte ähnliche ideologische und strategische Ziele. Der Unterschied zwischen den beiden lag nur darin, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits im Clinch lagen.

"Du musst kein Anabol-Junkie sein"

Samet D. durchlief in Syrien eine Kampfausbildung und bekam eine Kalaschnikow. Er beteiligte sich an Kämpfen in nordsyrischen Provinzen wie Idlib, Latakia und Aleppo. Auch ist bekannt, dass er eine Frau heiratete. Doch als talentierter Mediengestalter, der zudem vier Sprachen beherrschte, fühlte er sich wie viele andere deutsche Kämpfer wohl zu mehr berufen als nur zum Kämpfen. Ihm wurde in der Vergangenheit nachgesagt, mehrere junge Menschen in Deutschland für den Jihad rekrutiert zu haben.

Hanauer Jihadist Samet D.
2014 tauchte dann ein Video auf, das diesen Verdacht erhärtete. Darin zu sehen: Samet D. mit einer Sturmhaube über dem Kopf, Pistolenholster über der Schulter und einer Kalaschnikow auf dem Schoß. An die "lieben Geschwister" richtete er damals die Suggestivfrage: "Was macht ihr in einem Land, erstens, wo es haram ist zu leben? Und zweitens: Wir sind unerwünscht in den Ländern der Kuffar, wie eine zweite Klasse von Menschen. Jahrelang wurden wir so behandelt."

Die Muslime in Deutschland sollten dem Buch des Gesandten folgen, nämlich in Form des Jihads. "Egal ob du stark, der Rambo bist, oder ein kleiner Junge. Es spielt keine Rolle wie du aussiehst. Du musst kein Anabol-Junkie sein, der auf drei Metern breit ist. Auch kleine Jungs sind hier." Die wären laut Samet ohnehin die stärksten an der Front, "ohne Furcht außer vor Allah". Das Ziel für alle "Mujahideen" sei letztlich das Paradies. "Er rennt in den Feind hinein, ohne nach rechts, links oder nach hinten zu sehen."

D. wurde nach der Veröffentlichung des Videos schon bald wiedererkannt. Er aber widersprach gegenüber dem Blog die Person gewesen zu sein. "Dieser maskierte Kerl ist ein Saifullah aus Frankfurt, welcher bei der ISIS ist", so D. Er habe sich zudem keiner bewaffneten Gruppierung angeschlossen, sondern sei als Kamermann für eine "türkische Hilfsorganisation" tätig gewesen. "Ich bin seit mehr als zwei Jahren hier und von Tag eins als Medienmann tätig." Was die deutschen Medien in der Vergangenheit über ihn berichtet hätten, halte er für "Propaganda". "Der Zweck meiner Reise nach Syrien war, weil ich ein Mensch bin, wessen Herz noch am Leben ist. Mein Herz hat es mir nicht erlaubt in Deutschland zu sitzen und ein schönes Leben zu führen, während Menschen abgeschlachtet werden." Behörden halten das alles jedoch für reine Schutzbehauptungen.

Doch das alles scherrte ihn offenbar wenig. In der Folge betätigte er sich wahrscheinlich weiterhin als Jihad-Propagandist der Nusra-Front. Samet D. dazu: "Später habe ich angefangen Nachrichten zu berichten und bis heute versuche ich dem syrischen Volk mit meiner Erfahrung im Medienbereich zu helfen, um der Welt zu berichten, was hier geschieht."

Schließlich folgte vor mehreren Monaten eine äußerst bemerkenswerte Verwandlung des Hanauer: Vom maskierten Jihadisten hin zum scheinbar seriösen "Freelance"-Journalisten. In sozialen Netzwerken nannte er sich fortan nun "Kriegsreporter", "Kameramann" und "Herausgeber". Aber er war nicht allein als solcher im Norden Syriens unterwegs.

Die Verwandlung

"OGN"-Team in Aleppo: Bilal Abdul Kareem/Deutscher Samet D.
Als Teammitglied des salafistischen Medienkanals "On the Ground News" (OGN) war der 23-Jährige von Idlib aus in die einstige Wirtschaftsmetropole Aleppo gefahren. Diese 3-Mann-Truppe, einschließlich Samet D., berichtet bereits seit Monaten mit eindrucksvollen Dokumentationen von den Brandherden in Nordsyrien. Interviews mit al-Qaida-Ikonen wie Abu Firas al-Suri und Muhammad al-Muhaysini, Rebellenkommandeuren und atemberaubende Frontbesuche ließen die Berichterstattung sehr authentisch wirken.

Besonders die Eloquenz des charismatischen "Chefreporters" von OGN, der Amerikaner Bilal Abdul Kareem, zog das ahnungslose Publikum in seinen Bann. Der Konvertit, aufgewachsen in New York, absolvierte in den 90er Jahren eine Schauspiel-Ausbildung und sammelte in den darauffolgenden Jahren in Ägypten, Saudi-Arabien, im Sudan und in Libyen PR-Erfahrung. Und die merkte man dem Mann auch an, wenn er sachlich aber prätentiös über die Geschehnisse in den Rebellen-Gebieten berichtete. Samet D. selbst trat ebenfalls immer wieder vor die Kamera, sowohl in englischer, türkischer und arabischer Sprache.

Viele westliche Medien gingen dem scheinbar unabhängigen Medienteam auf den Leim. Amerikanische und britische Fernsehsender wie CNN, Channel 4 und Sky News nahmen Kontakt zu ihnen auf. Sie ließen sich nicht nur mit Bildern und Videos von OGN beliefern. Die CNN-Reporterin Clarissa Ward verbrachte mit OGN im März dieses Jahres sogar eine Woche lang "undercover" in den Rebellengebieten und berichtete anschließend in einer Serie von ihren bestürzenden Erlebnissen.

"Ja, das ist leider richtig"

Samet D. neben Autowrack
Und trotz der Sympathie vieler westlichen Medien für OGN, haben es möglicherweise auch westliche Regierungen auf das Reporter-Team abgesehen. Mehrere Drohnenangriffe überlebten Samet D. und Abdul Kareem bislang. In einem Interview gegenüber "The Intercept" bezichtigte der Amerikaner indirekt dafür seine eigene Regierung. Als die zwei im Juni dieses Jahres bei Khan Touman im südlichen Umland Aleppos unterwegs waren, schlug eine Rakete vor ihnen in ein Auto ein. Es habe anders wie bei syrischen oder russischen Luftangriffen keine Warnzeichen vor dem Angriff gegeben, erzählte Abdul Kareem später in einem Video. "Es war wie eine Hellfire-Rakete. Ich hörte sie nicht kommen." Auch Samet D. berichtete über den Vorfall und ließ sich von Abdul Kareem vor dem Autowrack fotografieren.

Nun aber haben die zwei ganz andere Sorgen. In Ost-Aleppo von angreifenden Truppen der Assad-Regierung eingeschlossen, müssen sie um ihr Leben bangen. Auf Nachfrage des Blogs bei Samet D., bestätigte dieser seine aktuelle Situation. "Ja, das ist leider richtig. [...] Die Lage sieht etwas schlecht aus für die Rebellen." Er habe aber nicht vor, sich in die Hände der Armee zu begeben. "Für uns Journalisten, die das Verbrechen dieses Regimes aufdecken und der Welt berichten, gibt es kein stellen, denn keiner vertraut dem Regime [...]." Die Lage sei zudem noch nicht so schlimm, dass man sich syrischen Behörden stellen sollte, so D. Weiter wollte sich der Hanauer nicht mehr äußern.

Anmerkung: Der Bericht wurde inhaltlich überarbeitet. Später gemachte Aussagen von Samet D. wurden hinzugefügt.