Freitag, 24. März 2017

Vier Brüder: "Seid nicht traurig" (Teil 1)

















Drei Brüder aus der Türkei schlossen sich dem Jihad in Syrien an. Wer sie sind und was sie in dem Bürgerkriegsland bislang machten, soll exemplarisch zeigen, wie komplex das türkische Netzwerk islamistischer Gewalttäter ist, dessen Zweige bis nach Deutschland reichen.

Von Heiner Vogel

Ein Türke in Aleppo

Im Dezember 2016 herrschte in der syrischen Großstadt Aleppo großes Chaos. Syrische Regimetruppen, unterstützt von der russischen Luftwaffe und schiitischen Milizen rückten in den belagerten Osten Aleppos vor. Dort hielten die Rebellen, ein Sammelsurium von syrischen und ausländischen Kämpfern, nur noch wenige Stadtviertel. Zivilisten, die aus dem Kampfgebiet flüchten wollten, gerieten dabei reihenweise ins Kreuzfeuer der beiden Konfliktparteien.

Auch Harun Y. gehörte zu den Eingeschlossen in der Stadt. Der bärtige und leicht untersetzte Türke hielt sich in diesen Stunden in einem Haus in Ost-Aleppo auf. Wie soviele seiner Kameraden war auch er verunsichert angesichts der drohenden Niederlage. Denn mit besonderer Milde konnten sie nicht rechnen, wenn sie in die Hände des syrischen Staates fielen. Wohl auch deshalb beschloss Harun Y. eine Botschaft in die Welt hinaus zu schicken. Ein Kamerad filmte ihn dabei mit einer Handykamera. "Mir geht es gut, auch wenn uns unsere Anführer verraten haben. Seid nicht traurig, es gibt kein Grund zur Sorge", sagte er in türkischer Sprache. Es sei seine Bestimmung, so wie es "Allah" gewollt habe. "Ich bin nur traurig wegen euch. Ich bin traurig, weil ihr um uns weinen werdet." Mit Tränen in den Augen drehte sich Harun schließlich weg.

Harun Y. in Aleppo
Wenig später tauchte das Video im Internet auf. Hochgeladen hatte es ein Kanal namens "Sawtul Sham", was soviel heißt wie "die Stimme Syriens". Tausende Nutzer teilten das Video daraufhin, darunter viele türkische Landsleute, die doch so unterschiedlicher nicht sein konnten: Salafisten, Neo-Osmanen und Pan-Turkisten. AKP-Politiker wie Eyüp Gökhan Özekin, die regierungsnahe Tageszeitung "Yeni Şafak" und die turanisch orientierte "Time Turk" waren darunter. Viele Rezipienten reagierten mit Empörung auf Y.'s scheinbar aussichtslosen Situation. Nicht wenige unter ihnen forderten sogar ein Eingreifen türkischer Truppen, um den Fall von Aleppo doch noch zu verhindern. Dass Harun Y. offenbar gar kein Syrer war, konnten und wollten die meisten nicht erkennen.

Denn das Schicksal Aleppos wurde von vielen Türken auch als eine persönliche Angelegenheit betrachtet. In Aleppo lebten vor dem Bürgerkrieg viele Turkmenen. Sie kamen ursprünglich aus der Türkei und blieben nach der Auflösung des osmanischen Reiches in Syrien. Nicht wenige beherrschen daher die türkische Sprache und fühlen sich eng verbunden mit dem Nachbarland. Auch die AKP-Regierung betonte im Laufe des syrischen Krieges, dass sie sich als Schutzmacht dieser ethnischen Minderheit betrachtete und es nicht zulassen würde, dass die Turkmenen in Bedrängnis geraten würden, die sich mehrheitlich auf die Seite der syrischen Opposition geschlagen hatten.

So waren die stürmischen und teils aggressiven Solidaritätsbekundungen für Harun Y. keine Überraschung. Doch der Mann, der die Emotionen so hochkochen ließ, war nach Recherchen von "Erasmus Monitor" gewiss kein unbeschriebenes Blatt. Der Jihad war sein Lebensinhalt.

Rückblick

Am 11. Juni 2010 erhielt Harun Y. in der Millionenmetropole Adana einen Anruf. Sein älterer Bruder Ayhan Y. war am Telefon und er wollte ihm einen Befehl erteilen. "In diesem Land haben Christen, insbesondere die Amerikaner, nichts zu suchen!" Wenig später verließ Harun Y. seine Mietwohnung im Stadtteil Tellidere und lief in Richtung Fatih Metro Station, ganz in der Nähe des Seyhan-Kanals, der sich durch Adana schlängelt und das westliche Umland mit Wasser versorgt. An einer Straßenkreuzung zwischen Mücahitler Cd. und Kıyıboyu Cd. blieb Harun stehen und wartete.

Tatort in Adana
Nach einer Weile näherte sich ihm ein Geländewagen. Am Steuer: Der US-Amerikaner Richard M. und seine türkische Ehefrau. Die beiden waren auf dem Heimweg. Als das Auto des Ehepaars an ihm vorbeifuhr,  schoss Harun Y. insgesamt achtmal auf die beiden. Sechs Kugeln durchlöcherten die Heckscheibe und eine Wagentür. Der 69-jährige Rentner, der früher auf dem NATO-Luftwaffenstützpunkt Incirlik beschäftigt gewesen war, bemerkte nicht, dass auf ihn geschossen wurde. Und er war offenbar für den Attentäter zu schnell unterwegs, woraufhin dieser schließlich aufgab und die Flucht ergriff.

Y. flüchtete nach seiner Tat in seine angemietete Wohnung in Tellidere. Er ging ins Badezimmer, hob den Deckel des Klospülkastens an und ließ dort die Pistole und sein Handy verschwinden. Schließlich verließ er die Wohnung wieder und türmte aus Adana in Richtung Norden.

Der Zugriff

Harun Y. wird von der Polizei abgeführt (2010)
Ein Monat später, am 16. Juli 2010, stürmten
Spezialkommandos der türkischen Anti-Terror-Polizei zeitgleich mehrere Wohnungen in Adana, Istanbul, Antalya und Canakkale. Dutzende Personen wurden dabei festgenommen. Allein in Adana und dem Umland nahm die Polizei 25 Menschen in Gewahrsam. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Sie hätten dem Terror-Netzwerk al-Qaida angehört.

Auch Ayhan und Harun Y. landeten an diesem Tag im Gefängnis. Denn was sie zuvor nicht wussten: Die Polizei hatte bereits im September 2009 eine Ermittlungsgruppe gebildet. Die Brüder und ihre Komplizen waren daraufhin observiert und elektronisch überwacht worden. Auch den Anruf von Ayhan bei seinem Bruder kurz vor dem missglückten Attentat auf Richard M. hatten die Ermittler aufgezeichnet. Nach der Flucht des Täters aus Adana, durchsuchten die Fahnder Haruns Wohnung in Tellidere und fanden die Pistole und das Handy in der Klospülung. Ballistische Untersuchungen ergaben eine Übereinstimmung der Pistolenkugeln mit den Einschusslöchern in Richard M.'s Auto.

Doch der Vorwurf des versuchten Mordes war nicht alles, mit dem die Brüder von den Ermittlungsbehörden konfrontiert wurden. Ayhan Y., der bei der Polizei bereits bestens bekannt war unter anderem wegen Diebstahl, Raub, Heiratsschwindelei und Körperverletzung, soll der Kopf der al-Qaida Zelle gewesen sein. Gemeinsam hätte die Gruppe vor allem junge Mädchen rekrutiert, um sie als Bräute für Jihadisten nach Afghanistan und in den Irak zu schicken. Mit Picknicks, Islamseminaren, Propagandaschriften und Videos über Trainingslager und Selbstmordattentäter sollte den meist jungen Rekrutinnen der Jihad schmackhaft gemacht werden.

Sichergestellte Beweismittel
Allein sechs der festgenommenen Islamisten hatten laut Anklage bei den Taliban Kampferfahrung gesammelt, darunter auch Ayhan Y., der sich nach eigenen Angaben im Jahr 2007 dort aufhielt. Bei den landesweiten Durchsuchungen fanden die Ermittler zudem eine Vielzahl an Beweismitteln wie Dokumente, Kameras, Speicherkarten und Computer.

Ayhan und Harun Y. blieben zunächst über ein Jahr im Gefängnis, bevor im Juli 2011 ein Haftprüfungstermin  anstand. Ein Gericht in Adana lehnte die Entlassung der beiden Brüder aus der Untersuchungshaft ab und setzte für den Herbst darauf einen neuen Anhörungstermin fest. Dann tauchten die beiden Brüder plötzlich ab. Sicher ist, dass Harun Y. im Jahr 2012 nach Syrien reiste. Nach all den Vorwürfen, die gegen ihn und seinen Bruder im Raum gestanden hatten? Die Umstände ihrer Freilassung bleiben letztendlich im Dunkeln.

Dem Blog gelang es aber die Spuren der beiden Brüder zurückzuverfolgen. Es ist eine kleine Familienbiografie, die Ayhan A. unter einem Pseudonym im Jahr 2015 in türkischen Islamisten-Kreisen verbreiten ließ und die "Erasmus Monitor" vorliegt.

"Was bist du für ein Bruder?"

Karaisali: Heimat der Brüder Y.
Ihr zufolge kehrte Ayhan nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zunächst in sein Heimatdorf im Norden Adanas zurück. Es heißt Karaisali, ein Ort in den Bergen  in der Nähe des Nergizlik-Staudamms. Dort wohnten die Eltern von ihm und Harun sowie sein jüngster Bruder, der damals 14-jährige Huzeyfe. Wie Ayhan A. in seiner veröffentlichten Biografie schrieb, soll es nach seiner einsamen Heimkehr zu Streitigkeiten zwischen ihm und dem kleinen Bruder gekommen sein.  Was dieser denn für ein Bruder sei, Harun ganz alleine nach Syrien gehen zu lassen, soll Huzeyfe zu Ayhan gesagt haben. Der hatte ihm daraufhin entgegnet: "Warum gehst Du nicht selbst zu ihm?" Huzeyfes Antwort: "Wenn ich groß bin, werde ich auch zu ihm gehen."

Monate später verließ schließlich auch Ayhan Y. die Familie und reiste zu zu seinem Bruder Harun in den Norden Syriens. Dort hatten sich zu dem Zeitpunkt bereits zahlreiche Jihadisten aus dem Ausland eingefunden. Die Gruppe, für die Harun Y.  mittlerweile kämpfte, nannte sich "Jaish al-Muhajireen wal-Ansar" (JAMWA - "Armee der Auswanderer und Helfer") und war dem tschetschenischen Kaukasus-Emir und al-Qaida-Warlord Doku Umarow treu ergeben. Neben Harun kämpften hauptsächlich Russen, Dagestaner, Tschetschenen aber auch Deutsche für die Gruppe. Sie galten als kampferprobt, diszipliniert und erwiesen sich bei Gefechten mit syrischen Regierungstruppen als äußerst schlagkräftig. Viele Städte, die durch syrische Rebellen damals belagert wurden, fielen erst, als die Spezialeinheiten der JAMWA anrückten.

Ayhan Y.
Ayhan Y. ließ sich in Atmeh nieder, ein Dorf direkt an der syrisch-türkischen Grenze. Was er zu diesem Zeitpunkt dort genau machte, ist nicht ganz klar. Vieles deutet darauf hin, dass er den Jihad in Syrien zumindest propagandistisch unterstützte. Vor allem im Internet fand der Mann, der neben der türkischen Sprache auch Arabisch, Englisch und Deutsch beherrschte, unter verschiedenen Pseudonymen eine große Anhängerschaft. Auch viele bekannte Gesichter aus der deutschen Salafisten-Szene waren darunter.

Zu Hause in Karaisali drängte laut Ayhan Y. sein Bruder Huzeyfe immer stärker darauf, ihm und Harun in den Jihad nachfolgen zu können. Die Eltern hätten jedoch versucht ihn davon abzuhalten: "Sohn, wir sind mittlerweile gealtert. Bleib wenigstens du bei uns und kümmere dich um uns", zitierte Ayhan Y. eine ihrer Reaktionen. Den Vorschlag der Eltern, Huzeyfe erstmal nach Deutschland zu schicken, dort wo die Ehefrau von Ayhan Y. lebte, habe der Teenager vehement abgelehnt. "Der Westen wird in Sham einmarschieren und die Tore von Sham werden gesperrt werden. Ich muss in Syrien sein, bevor Amerika dort einmarschiert", soll Huzeyfe laut seinem Bruder den Eltern entgegnet haben. Eher widerwillig hätte der jüngere Bruder zunächst eine Ausbildung zum Automechaniker angefangen.

Zwischen den Fronten

Es war schon eine Weile vergangen, dass Harun Y. die Türkei verlassen hatte. Mit seiner Einheit vertrieb er die syrische Armee aus zahlreichen Ortschaften in der Provinz Aleppo und Idlib. Die syrischen Rebellen erlebten mithilfe der ausländischen Jihadisten einen Siegesrausch nach dem anderen. Türkische Geheimdienste leisteten dabei offensichtlich tatkräftige Unterstützung. Sie lieferten Waffen und Ausrüstung an die Rebellen und ließen sie ungehindert die Grenzen passieren.

Batiraschvili (Zweiter v. links)/Sayfullah (Erster v. rechts)
Im Jahr 2013 aber wurde JAMWA durch einen erbitterten Machtkampf erheblich geschwächt. Die Anführer von Harun Y.'s Einheit stritten sich über die Rolle des IS (damals noch ISIS), der zunehmend Druck auf die anderen Gruppen aufbaute. Der berühmt-berüchtigte georgische Kommandeur Tarchan Batiraschvili alias Omar al-Shishani favorisierte ein Bündnis mit der irakischen Terrororganisation. Doch Omars Stellvertreter, Sayfullah al-Shishani, verweigerte den Treueeid auf ISIS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi. Es kam schließlich zum Bruch innerhalb der JAMWA. Omar al-Shishani ließ sich zum ISIS-Emir in Aleppo ernennen. Daraufhin verließ Sayfullah mit einem Großteil der JAMWA-Anhänger die Gruppe. Darunter war auch offenbar Harun Y. Sie nannten sich fortan "Jaysh al-Khilafa Al-Islamiya" ("Die islamische Kalifatsarmee") oder auch "Katiba Sayfullah" ("Die Sayfullah Brigade") und schlossen mit "Jabhat al-Nusra", dem syrischen Ableger der al-Qaida, ein Bündnis.

Hin und wieder traf Harun Y. auch seinen Bruder Ayhan an der Grenze zur Türkei. Das belegen Foto- und Videoaufnahmen der beiden. Dort hatte der Älteste mit anderen Jihadisten ein Haus bezogen und renoviert. Umringt von zahllosen Zeltstädten der syrischen Binnenflüchtlinge, fühlten sich die Brüder hier sicher. Offenbar problemlos konnte zumindest Ayhan Y. mehrmals in die Türkei reisen und bei der Familie nach dem Rechten sehen. Die Justiz in Adana schien kein Interesse mehr an den beiden zu haben. Auch dann nicht, als aus Deutschland ein Geländewagen der Marke "Mitsubishi Pajero Sport" bei Ayhan Y. eintraf, mit dem er über die staubigen Straßen in Nordsyrien bretterte.

Harun Y. (links),  "Abu Ubaida al-Madani",
Emir von "Katiba Sayfullah" (Mitte)
Ob hinter der Hilfe nur Ayhan Y.'s Ehefrau in Deutschland steckte, so wie er es selbst schrieb, ist mehr als zweifelhaft. Dass die türkischen Brüder nicht nur familiäre Verbindungen dorthin pflegten, sondern sich auch mit deutschen Islamisten zum Teil eng austauschten, dafür gibt es viele Indizien. Zum Beispiel der Hanauer Samet D., der nach Blog-Informationen mit Ayhan und Harun Y. in engen Kontakt standen. Im letzten Jahr war Ayhan Y. sogar einer der ersten, die vom Tod des Allgäuer Jihadisten Erhan Aydeniz und dem Frontmann der salafistischen Hilfsorganisation "Helfen in Not" (Spitzname "Sam") berichteten.

Der kleine Bruder

Huzeyve Y.
Fast ein Jahr später, Anfang 2015, setzte sich der mittlerweile 17-jährige Huzeyfe laut Ayhan Y. mit seinen Ausreise-Forderungen in der Familie durch. Die insgesamt vier Brüder fassten daraufhin gemeinsam einen Entschluss: Der zweitjüngste Faruk Y., ein Dekorateur aus Gaziantep,  sollte in der Türkei bleiben und sich um die Eltern kümmern. Ayhan wollte sich in Atmeh weiterhin aufhalten, während Harun und Huzeyfe an der Front kämpfen sollten. Und so passierte es dann offenbar auch. Ayhan Y.'s Ehefrau aus Deutschland, so schrieb dieser es zumindest in der erwähnten Biografie auf, ging mit Huzeyfe zu einem Juwelier und verkaufte ihren Schmuck, um ihm die Ausreise nach Syrien zu finanzieren.

Der Teenager überquerte schließlich Anfang Februar 2015 die Grenze zu Syrien und wurde dort von seinen beiden Brüdern in Empfang genommen. Die Älteren unterrichteten ihn daraufhin im Umgang mit Waffen. Harun Y. soll Huzeyfe zudem  Militärkleidung und Schuhe gekauft haben. Nach einiger Zeit holte ihn der Bruder zu sich in die Kampfeinheit "Katiba Sayfullah". Es war die lang ersehnte Erfüllung eines Traums für den Heranwachsenden, der doch nur wenige Monate darauf ein tragisches Ende fand.