Montag, 12. Juni 2017

Kybernetiq: "Provokation ein gutes Mittel, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen"


Das Magazin "Kybernetiq" gilt als wohl ungewöhnlichstes Exemplar jihadistischer Propaganda in deutscher Sprache. Die Formulierungen, das Design und die Themen, die von den Autoren besprochen werden, docken teilweise gezielt an die Arbeit etablierter Medien in Deutschland an. Trotzdem sind die Ziele von "Kybernetiq" unmissverständlich: Islamisten sollen lernen, wie sie sich der Beobachtung durch die Sicherheitsbehörden enziehen können. Und sie machen klar, dass der Jihad schon längst in der virtuellen Welt angekommen ist. Nun kündigen die Macher eine weitere Ausgabe an.

"Gesetze, die deine Kreativität eingrenzen"

Seit zwei Jahren beschäftigen sich deutsche Sicherheitsbehörden mit dem Jihad-Magazin "Kybernetiq". Sie nehmen die Angelegenheit ernst. Denn das Heft versucht gezielt in einem Bereich für Aufklärung zu sorgen, der für die polizeiliche Ermittlungsarbeit im Kampf gegen den Terror als unverzichtbar gilt. Das Internet. Mit seinem Schwerpunkt in "der Kunst des Steuerns" im Bereich der Informatik belegt Kybernetiq einen neuen und prominenten Platz im Spektrum der islamistischen Propaganda. Damit knüpfen die Autoren an die Vordenker des Jihads an, wie Abdullah Azzam, dem das Zitat "Die Hälfte des Jihads findet medial statt" zugeschrieben wird. Das schließt auch die neuen Medien und der "richtige" Umgang mit ihnen ein.

Jihad-Magazin "Kybernetiq" (Nr.1)
Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs revolutionierten Extremistengruppen von al-Qaida und "Islamischer Staat" (IS) mithilfe ihrer multinationalen Anhängerschaft die virtuelle Welt. Und zwar in einer solchen Geschwindigkeit, dass Ermittler, Wissenschaftler und Medien nur mühsam mit ihnen Schritt halten konnten. Denn die Menschen, die heute Propaganda für die Jihad-Gruppen produzieren und veröffentlichen, sind wiederum das Produkt unserer eigenen westlich-kapitalistischen Konsumgesellschaft. Sie wuchsen bereits im Zeitalter der Globalisierung auf, in dem technische Neuheiten und Entwicklungen fast täglich auf den Markt geworfen wurden, denen Begriffe wie "Apps", "Tor" und "PGP" keine Fremdwörter sind und die im Kontext von Snowden- und Wikileaks-Enthüllungen noch stärker in Sachen Datenschutz und Anonymität im Internet sensibilisiert wurden, als viele andere ihrer Generation. "Die Erfahrung haben wir natürlich aus den Ursprungsländern mitgebracht, aber auch hier (in Syrien) lernt man in der Praxis eine Menge dazu. Dazu gibt es keine menschengemachten Gesetze, die deine Kreativität eingrenzen wie das Telekommunikationsgesetz oder die Bundesnetzagentur", berichtet ein Autor von "Kybernetiq".

Bislang hat das Magazin, hinter dem deutschsprachige Jihadisten in Syrien vermutet werden, seit 2015 zwei Ausgaben veröffentlicht. Für eine in diesen Zeiten eigentlich emsig arbeitende Propaganda ist das ein eher bescheidenes Ergebnis. Doch es scheint zur Strategie der Autoren zu gehören selten, aber umso effektiver von sich Reden zu machen, auch wenn "Kybernetiq" gegenüber dem Blog von einer "freien" Autorenschaft spricht, die "privat" und "nebenbei" an dem Magazin mitwirken würde. Die Resonanz auf die ersten beiden Ausgaben zeigt, wie die Mischung aus Anonymität, Cyber-Mentalität, Provokation und Informatik-Sprache als Stilmittel der Propaganda bislang angekommen ist. Weltweit berichteten Medien über "Kybernetiq". Sie wirkten angesichts der relativen Sachlichkeit und verspielten Sprache aber genauso irritiert, wie wohl die Zielgruppe selbst, an die sich das Magazin richtet. "Im Grunde ist es für alle Muslime. Darum bemühen wir uns die Artikel so verständlich wie möglich zu schreiben, damit auch wenig Technik versierte LeserInnen [sic!] den Inhalt und deren Wichtigkeit verstehen", so das Magazin zum Blog. Es ginge um "Aufklärungsarbeit" für Muslime, um ihnen Sicherheit zu verschaffen.

"Physikalisch isolierte Umgebung"

Wahrscheinlicher wenden sich die Macher aber an das Kernmilieu islamistischer und auch gewaltbeweiter Jihad-Sympathisanten. Vielmehr hat Kybernetiq aber das Potenzial neben der eigentlichen Zielgruppe auch diejenigen mit Informatik-Themen anzusprechen, die bislang nichts oder nur wenig mit diesem Milieu zu tun hatten und sich auf Grundlage des Magazins die Ressourcen schaffen können, unentdeckt mit solchen Netzwerken zu interagieren. Dass "Kybernetiq" nicht harmlos ist, beweisen die "Gastbeiträge" im Magazin "al-Risalah", dass dem Umfeld der syrischen al-Qaida zugeordnet werden kann, in dessen Beiträgen unmissverständlich zum bewaffneten Jihad aufgerufen wird und die Gegner im Westen klar benannt werden.

"Adobe" InDesign: Kybernetik (Nr. 3)
"Es sind lediglich hin und wieder mal Beiträge von uns drin. Wir wurden von den Autoren gebeten ihre technischen Artikel zu reviewen", erklärt "Kybernetiq" diese Verbindung auf Nachfrage. "al-Risalah" habe sich entschieden die Beiträge der Deutschen direkt zu übernehmen. Es gebe keine unmittelbare Zusammenarbeit zwischen den beiden Medien. Wahrscheinlich ist dennoch, dass zumindest einzelne Autoren von "Kybernetiq" zu einem Netzwerk in Syrien gehören, die für die Produktion verschiedener Propaganda-Medien verantwortlich sind.

Und wie arbeitet die "Redaktion" von "Kybernetiq"? Dazu gab es bislang nur Vermutungen. Auf Nachfrage teilt das Magazin mit, man produziere die Beiträge auf Basis eines komplexen Sicherheitssystems. Man verwende unterschiedliche Computer, die "in virtuellen Windows-Maschinen bzw. in einer physikalisch isolierten Umgebung (Air-Gap)" eingebunden seien, ähnlich wie bei staatlichen Geheimdiensten und militärischen Operationszentren. Sie nutzten bei der Bearbeitung ihrer Beiträge aber ganz herkömmliche Bildbearbeitungsprogramme wie "Adobe Photoshop".

"Operation: OpenAleppo"

Anspielung auf Bundeswehr: Kybernetiq (Nr.2)
Nun kündigt "Kybernetiq" gegenüber dem Blog also eine dritte Ausgabe an. Man wolle darin auf Hackerangriffe eingehen, "die gegen uns oder andere Geschwister gerichtet" gewesen seien, darunter "Amateur Phishing Versuche", "verzweifelte" Angriffe auf das eigene "Hidden-Services" sowie professionellere Spyware-Angriffe aus China. Das vorläufige Titelblatt gibt zudem Themen an, die auf eigene Aktionen der Gruppe schließen lassen. "Operation: OpenAleppo", so berichtet es "Kybernetiq" gegenüber "Erasmus Monitor", solle zeigen, wie die Gruppe versucht habe, den drohenden Ausfall des Internets in der syrischen Großstadt Aleppo abzuwenden, als Truppen von Präsident Bashar al-Assad die letzten von Rebellen gehaltenen Stadtgebiete erobert hatten. Falls zutreffend, käme dem deutschsprachigen "Kybernetiq" damit eine aktivere Rolle im syrischen Jihad zu, als bislang angenommen wurde.

Und auch die Provokation, wie die grafische Anspielung auf die Bundeswehr-Werbekampagne in der zweiten Ausgabe zeigte, soll wieder nicht zu kurz kommen, "um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen". Die Medien, so feixt das Magazin, hätten sich bei der letzten Ausgabe weniger mit dem Inhalt  auseinandergesetzt, sondern sie seien auf das "Die-Bundeswehr-wurde-infiltriert-durch-Islamisten"-Boot aufgesprungen. Auf dem neuen Titelbild prangt eine Handgranate, zusammengebaut aus einer Computertastatur. Kein Zweifel also, dass "Kybernetiq" auch mit dieser Veröffentlichung für neuen Gesprächsstoff sorgen möchte.