Mittwoch, 12. Juli 2017

Solinger Sami J.: "Der lacht wie ein Jude"

Der Solinger Sami J. spielte bei der islamistischen Kameradschaft "Millatu Ibrahim" eine wichtige Rolle. Mit Kamera und Mikrofon ausgestattet, half er den Salafisten ihre Propaganda zu verbreiten. Nun soll er in Syrien als Kämpfer des IS getötet worden sein.

"Usaid"

"Bis der Kopf fliegt" lautete die trotzige Parole unter den Mitgliedern von "Millatu Ibrahim", einer Gruppe von jungen Salafisten in Solingen. Sie reagierten damit auf den angeblich repressiven deutschen Staat, der ihre "Dawa" auf den Straßen der Republik systematisch zu untergraben versuchte. Und die Medien, die sie in ihrer Berichterstattung nur schlecht darstellen und Lügen über sie verbreiten würden.

Angeführt von Mohamed Mahmoud, einem verurteilten al-Qaida-Mann aus Österreich, versammelten sich in Solingen zwischen 2011 und 2012 die wohl gefährlichsten Islamisten aus ganz Deutschland. Christian Emde und Robert Baum zum Beispiel, die beiden Freunde, die bereits 2011 in Großbritannien wegen Terrorpropaganda inhaftiert worden waren. Oder Ahmad Abu-Ghazaleh und sein Vater Youssef, die "Manager" von "Millatu Ibrahim", die später in einem IS-Propagandavideo als Hauptdarsteller auftauchen sollten. Hasan Keskin, der "Mastermind" hinter Mohamed Mahmoud, der im letzten Jahr vor der Polizei ins Ausland floh. Oder auch Denis Cuspert, Ex-Rapper und Posterboy der Gruppe, der heute als IS-Kämpfer auf der Abschussliste der USA steht.

Fanatischer Anhänger von "Millatu Ibrahim" war auch Sami J., den sie in Solingen alle "Usaid" nannten. Der Mann, unverwechselbar wegen seines herunterhängenden linken Augenlids und der Kamera in seiner Hand. Er gehörte zum Team salafistischer Propagandisten wie Reda Seyam, Florian L. und Sabri Ben Abda. So auch beim "Lies!"-Projekt des Predigers Ibrahim Abou Nagie, das in zahlreichen deutschen Städten kostenlos Korane an Passanten verteilte. 


Im April 2012 filmte Sami J. in Wuppertal seine Freunde bei ihren Missionierungsversuchen in der Innenstadt. Er verhielt sich dabei aggressiv, vor allem gegenüber Medienvertretern. "Kostenlose Werbung für uns. Möge Allah ihn rechtleiten oder vernichten", zischte er gegenüber Journalisten in das Kamera-Mikrofon. Beim Anblick eines RTL-Journalisten sagte er zu seinem Kumpel Hasan Keskin: "Der lacht wie ein Jude. Guck dir das mal an. Der ist wie ein Jude, wie ein Jude." Keskin versuchte daraufhin mit einem Augenzwinkern seinen jungen Schützling immer wieder zu beruhigen. "Wir lassen uns nicht provozieren."

Demonstration in Solingen: Hasan Keskin und Sami J. (rechts)
Einem SPIEGEL-TV-Reporter, der sich mit seinen Berichten zur Szene bei den Anhängern einen gewissen Ruf erarbeitet hatte, ließ Sami J. damals eine unmissverständliche Warnung zukommen. Am "Lies!"-Stand in Wuppertal tauchte der Journalist gemeinsam mit einem Kamera-Team auf, um die Gruppe von Missionaren nach ihren Motiven zu befragen. Sami J. filmte ihn bei seinen Dreharbeiten und fertigte später mit Hilfe seiner Kameraden bei der Videobearbeitung eine Art Steckbrief zu ihm an: "Name: Unbekannt. Mushrik Kafir. Steht im Dienste von: SPIEGEL TV. Charakterisierung: Hinterhältiges und falsches Lächeln, nickt ständig mit Kopf, unehrliches und lügenhaftes Gesicht, Hochnäsigkeit, respektlos, hat ständig die Hände in der Tasche, provokativ."

Getötet in Raqqa

Wenige Wochen später, im Mai 2012, beteiligte sich Sami J. als Kameramann bei einer Gegendemonstration von mehreren hundert Islamisten gegen die rechtsextreme "Pro NRW" in Solingen, bei der die gefährliche Spannung in der Szene infolge von provokanten Mohamed-Karrikaturen deutlich zu spüren war. Die Eskalation folgte nur Tage später in Bonn, als bei einer erneuten Demonstration gewaltbereiter Salafisten zwei Polizisten durch eine Messerattacke schwer verletzt wurden. Der Staat schlug zurück und ließ nur ein paar Wochen später "Millatu Ibrahim" verbieten. Es kam zu großangelegten Razzien der Polizei. Auch die Wohnung von Sami J. im Solinger Stadtteil Wald wurde damals durchsucht, Computer und Geld beschlagnahmt.

Getötet in Raqqa: Solinger Sami J. alias "Abu Usaid al-Almani"

In Aleppo zog sich Sami J. dann bei einem Autounfall schwere Verletzungen zu, die er in der Südtürkei in einem Krankenhaus behandeln ließ. Laut einem Bericht des "Solinger Tageblatts" kehrte J. sogar 2014 noch einmal nach Deutschland zurück und ließ sich dort am Auge operieren. Erst 2016 und trotz intensiver Überwachungsmaßnahmen der Polizei, gelang es dem Islamisten erneut nach Syrien auszureisen. Zu dieser Zeit waren schon einige seiner Solinger Kameraden wie Usman Altaf und Robert Baum tot. Führungsfiguren wie Denis Cuspert, Mohamed Mahmoud, Christian Emde und Ahmed Abu-Ghazaleh kämpften jedoch nach wie vor für den IS. Wie diese wird wohl auch Sami J. bei der IS-Propaganda mitgeholfen haben. Am Montag schließlich meldeten IS-Kanäle seinen Tod im syrischen Raqqa.