Freitag, 15. September 2017

Im Schatten des IS

Der "Islamische Staat" (IS) scheint in Syrien und Irak kurz vor dem militärischen Zusammenbruch zu stehen. Doch in seinem Schatten hat sich im Norden Syriens die al-Qaida ein eigenes Emirat geschaffen.  Der nächste große Krieg könnte bald bevorstehen.

Das Pendant zum IS

Sie sind überwiegend unsichtbar in der weltweiten Berichterstattung. Die syrische al-Qaida, die sich aus taktischen Gründen nicht so nennen möchte, hat in den vergangenen Jahren viel vom IS gelernt. Während letzterer mit seiner genozidalen Eroberungs- und Herrschaftsstrategie den globalen Zorn auf sich zog und zahlreiche Länder zum militärischen Eingreifen zwang, hat sich die nächste Generation von Osama Bin Laden in einem Gebiet im Norden Syriens ein bislang relativ sicheres Refugium geschaffen. 

Doch die Ruhe scheint trügerisch zu sein. Einerseits blicken die Jihadisten in der Provinz Idlib mit Genugtuung auf den rasanten Zerfall des Kalifats von Abu Bakr al-Baghdadi, dem Abtrünnigen aus dem Irak, der einst die dortige al-Qaida anführte. Andererseits sind sich die syrischen "Mujahideen" im Klaren, dass sie nach dem Fall des IS wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken werden, wenn die großen geopolitischen Spieler ihre territorialen Einflusszonen in Syrien unter sich ausmachen.

Syrischer al-Qaida Anführer: Abu Mohammad al-Jolani
Jahrelang führte die Gruppe "Jabhat al-Nusra" als islamistisches Pendant zum IS den Kampf gegen die syrische Regierung an. An ihrer Spitze, der Syrer Abu Mohammad al-Jolani, ein ehemaliger Anhänger von Abu Bakr al-Baghdadi, gelang es ihr sowohl im Kampf gegen Assad als auch innerhalb der Rebellenfraktionen eine klare Führungsrolle einzunehmen. Als die syrischen Rebellen 2015 und 2016 vor allem im Norden Syriens die Truppen des Regimes angriffen, war es die Nusra Front und ihre engen Verbündeten, die den Unterschied auf dem Schlachtfeld ausmachten. Mit ihren Selbstmordattentätern, den kampferprobten Ausländern aus Nordafrika, dem Kaukasus und Asien, sowie der militärischen Unterstützung arabischer und türkischer Geheimdienste, brachte sie die Assad-Regierung in Idlib in arge Bedrängnis.

In dieser im Vergleich zu den syrischen Metropolen Damaskus oder Homs recht dünn besiedelten Region, errichtete die Nusra Front in der Folge nach und nach ein islamistisches Regime, welches die Provinzhauptstadt Idlib und die meisten anderen Kleinstädte im Umkreis kontrollierte. Doch im Gegensatz zum IS, der nach der Eroberung Mossuls jeden Schritt bei der Errichtung und Durchsetzung seiner Herrschaft grausam und zugleich planlos in seiner Propaganda inszenierte, setzte die syrische al-Qaida auf einen stillen Aufbau ihrer administrativen Strukturen. 

Weder wollte man die syrischen Einheimischen und semi-säkular orientierten Gruppen, die von den USA unterstützt wurden, gegen sich aufbringen, noch wollte man überhaupt den Eindruck erwecken, dass die Order für die strategischen Planungen aus den Hinterzimmern derjenigen Vereinigung stammten, die für die Terroranschläge am 11. September 2001 verantwortlich waren.

Gezielte Schläge, aber keine Schwächung

Also kooperierte die Nusra Front weiter mit den fragmentierten Rebellen der "Freien Syrischen Armee" (FSA), die ohnehin angesichts der Truppenstärke und Ausrüstung der Jihadisten um ihr Überleben kämpften. Die USA hatten die Gruppe zwar auf ihre Terrorliste gesetzt und auf deren Anführer al-Jolani ein hohes Kopfgeld ausgesetzt. Sie ignorierten aber weitgehend  das Zweckbündnis zwischen al-Qaida und ihren alimentierten Rebellengruppen. Dem Kampf gegen den IS galt ihre oberste Priorität, ohne dabei ein Wiedererstarken des syrischen Regimes zuzulassen. Außer einigen gezielten Drohnenangriffen auf zentrale Führungsfiguren, verzichteten die USA auf ein härteres militärisches Vorgehen gegen die Nusra Front.

Syrische Provinz Idlib
Die wiederum versuchte aus dieser Status Quo-Strategie der USA Kapital zu schlagen. Auf den Druck des Golf-Emirats Katar hin verkündete sie im Frühjahr 2016 offiziell die Trennung vom Terrornetzwerk al-Qaida und benannte sich in "Jabhat Fateh al-Sham" um. Eine Farce. 

Denn vielmehr ging es der Nusra-Führungsriege und ihrem Mäzen Katar darum, einer Schwächung der Jihadisten und damit die weitere Unterminierung der seit dem russischen Eingreifen ohnehin chancenlosen syrischen Rebellion entgegenzuwirken. Gleichzeitig hoffte Katar, dass die USA ihre militärische und finanzielle Unterstützung nach der Distanzierung der Nusra Front von al-Qaida nun mehr auch auf diese ausweiten würde.

Doch diese Hoffnung zerschlug sich schnell. Der damalige US-Präsident Barak Obama ließ Katar diesen Winkelzug nicht durch. Er vermied es aber weiterhin die Gruppe substanziell zu schwächen. Zu groß war das Risiko, dass Russland und die syrische Regierung daraus Kapital schlagen konnten. Doch auch ohne militärischer Unterstützung führte die Umstrukturierung der Gruppe zu einer massiven Stärkung der al-Qaida in Syrien. Denn sie trat fortan nicht mehr als sichtbarer einzelner Verband auf, sondern versuchte durch die Schließung von Bündnissen mit syrischen Rebellengruppen in Deckung zu gehen. Insgeheim weitete die Nusra Front ihren Einfluss auf andere Extremistengruppen wie das "Kaukasus-Emirat" und die "Turkistan Islamic Party" deutlich aus.

Kämpfer der "Jabhat al-Nusra"
Im Januar 2017 forcierte man diese erfolgreiche Bündnisstrategie weiter. Es folgte die Schaffung der Rebellen-Allianz "Hayat Tahir al-Sham", mit der die Nusra Front auch von den USA unmittelbar unterstützte Rebellengruppen integrieren und zugleich einhegen konnte. Die USA und selbst die Türkei, die die Jihadisten lange Zeit als nützliche Werkzeuge zur Durchsetzung ihrer regionalen Expansionspolitik betrachtete, wurden zunehmend besorgt. Ihr Einfluss auf die Rebellen schmolz dahin, während die syrische al-Qaida nach und nach im gesamten Norden Syriens die Kontrolle über Waffenlager, Städte und Checkpoints übernahm. Nur die ebenfalls salafistische "Ahrar al-Sham", eine von der Türkei mittlerweile vollständig protegierte Rebellengruppe, konnte bis zum Frühsommer dieses Jahres gegenüber der Nusra Front als Gegengewicht fungieren, bis auch sie von der geschickten Bündnispolitik und militärischen Übermacht der al-Jolani Truppe in Idlib marginalisiert wurde. 

Die Deutschen bereiten sich vor

Im Zuge des rasanten Niedergangs des IS in Syrien, wuchs das Selbstbewusstsein der syrischen al-Qaida. Als einzige Kraft im Land, die derzeit noch in der Lage ist, militärische Vorstöße der Assad-Armee und Russlands Einhalt zu gebieten, kann sie sich nun als Beschützer der Regime-Dissidenten und Bewahrer der Revolution gerieren. Zugleich wurden delinquente Einheimische und zivile Bündnisse in Idlib konsequent und mit brutaler Gewalt unterdrückt oder liquidiert. 

Auch die deutschen Jihadisten, die sich der Nusra-Front und ihren Vasallen angeschlossen haben, zeigen sich mittlerweile wesentlich selbstbewusster in sozialen Medien. Vorbei scheint die Zeit, in der nur die verhassten Kollegen beim IS die Jihad-Propaganda prägten. Allenfalls der 2016 getötete Allgäuer Erhan Aydeniz und seine Kameraden waren lange Zeit die einzigen Deutschen, die in der Öffentlichkeit für al-Qaida agitierten.

Mittlerweile zeigen sich Kämpfer wie der Itzehoer Phillip N. und andere Deutsche in Videos und auf Bildern wesentlich mitteilungsbedürftiger. Sie lassen sich bei Schießübungen und ihrem Lebensalltag filmen und bereiten sich ganz offensichtlich auf einen neuen Kampf vor. Von einer "Ruhe vor dem Sturm" wird aus ihrem Umfeld kolportiert. Ihr neues Selbstwusstsein spiegelt sich auch in einem kürzlich von der Propagandaplattform "Al-Muhajirun" veröffentlichten Video wider, in dem ein deutscher Kämpfer sehr ausführlich von seinem Leben im Jihad berichtet. "Wir sind bereit", lautet darin die Kampfansage.


Denn die Türkei will offenbar dem Gebahren der Jihadisten nicht mehr länger zuschauen. Nach der Vertreibung ihrer Söldnertruppen aus wichtigen Gebieten Idlibs, scheint der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in enger Abstimmung mit Russland einen Einmarsch der türkischen Armee in Erwägung zu ziehen, um die syrische al-Qaida zurückzudrängen und die außenpolitischen Ziele in Syrien - die Eindämmung kurdischer Autonomie-Bestrebungen und die Besetzung grenznaher Siedlungsgebiete der syrischen Turkmenen - doch noch zu sichern.

Usbekischer Kämpfer der Hayat Tahir al-Sham in Idlib
Lange Zeit galt die Türkei für die Jihadisten als stillschweigender Partner. Ausrüstung, Geld und Kämpfer wanderten verlässlich über die Grenze nach Idlib, oft begleitet vom türkischen Geheimdienst MIT. Überall im Nachbarland, ob in Gaziantep, Adana oder Reyhanli, konnten sich die Kämpfer quasi frei bewegen. In den Augen der türkischen Regierung galten vor allem die Islamisten aus China, Usbekistan und dem Kaukasus als verlässliche Brüder im Geiste, die man leicht beeinflussen konnte. So kam es auch, dass im Laufe der Zeit viele Grenzstädte in Syrien wie Jisr al-Shogur zu Enklaven tausender Uighuren und Usbeken wurden. Diese aber ließen sich vom pan-turanisch und neo-osmanisch angehauchten Nationalismus der AKP-Regierung bislang wenig erwärmen und setzten auf die Forführung der jahrelangen Beziehungen zur al-Qaida.

Nach dem Zusammenbruch des IS wird es in Syrien also erstmal keinen Frieden geben. Der Jihad ist im Land omnipräsent. Anrainerstaaten, Regional- und Großmächte kämpfen nun um ihren Einfluss auf die zukünftigen Entwicklungen Syriens. Der syrische Ableger der al-Qaida könnte die Staaten erneut in einen verlustreichen Kampf verwickeln.