Sonntag, 1. Oktober 2017

Rami H.: Freund, Helfer, Jihadist

Der Israeli Rami H. lebte längere Zeit in Deutschland. Er hatte Freunde auf der ganzen Welt, heiratete eine deutsche Frau und arbeitete für Hilfsorganisationen in Afrika. Doch im Jahr 2015 ließ Rami alles hinter sich. Er reiste nach Syrien und schloss sich dort dem IS an. Nun soll er dort getötet worden sein.

Rund 60 Israelis reisten nach Syrien und in den Irak, um sich dort der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) anzuschließen. Das verlautbarte jüngst der israelische Inlandsgeheimdienst "Shin Bet". Einer von ihnen war auch Rami H. Der 40-jährige starb diese Woche bei Gefechten gegen die syrische Armee in der Provinz Homs. Was wenige bis vor kurzem wussten: Rami H. lebte vor seiner Ausreise mehrere Jahre in Deutschland, soll dort studiert und in Wohngemeinschaften in Göttingen und Osnabrück gewohnt haben. Später heiratete er sogar eine deutsche Frau.

Deutschen Sicherheitsbehörden ist der Mann bekannt, der ursprünglich aus Schefar’am stammt, einem Ort östlich der israelischen Großstadt Haifa. Derzeit prüfen sie Meldungen über seinen Tod, die unter anderem von Familienmitgliedern in Israel verbreitet wurden. Ein Bruder von ihm sagte der israelisch-arabischen Zeitung "Kul al-Arab", dass die Familie gewusst habe, dass Rami sich vor etwa zwei Jahren in Syrien niedergelassen habe. Sie hätten aber nicht geahnt, dass dieser sich dem IS angeschlossen hatte. "Erst vor kurzem stand mein Vater in ständigem Kontakt zu ihm. Er versuchte ihn zu überreden zurückzukehren, aber es gelang ihm nicht." H. selbst bezeichnete sich bei seiner Ankunft in Syrien im Jahr 2015 als "Street Worker", der in der syrischen Hauptstadt Damaskus arbeiten würde. Freunden erzählte er, er sei in der Flüchtlingshilfe tätig.

Es gibt Bilder von Rami H., die ihn als IS-Kämpfer in Syrien zeigen. Er fungierte offenbar als Scharfschütze der Miliz. Ehemalige Bekannte in Europa können seine Entwicklung kaum fassen. H. galt vor seiner Ausreise als Kosmopolit und offen gegenüber anderen Religionen. Er führte lange Zeit ein sehr westliches Leben, hörte Reggea und Rockmusik. Ein deutscher Bekannter beschrieb H. gegenüber "Erasmus Monitor"  als "Idealist mit linken Positionen", bevor er sich radikalisierte. Er habe Gewalt generell abgelehnt.

H. engagierte sich zudem viele Jahre bei humanitären Hilfsorganisationen. Familienangehörige berichteten "Kul al-Arab", dass der 1977 geborene Mann als Berater der UNICEF in Afrika, Dänemark, Schweden und Portugal tätig gewesen sein soll. Nach Informationen des Blogs reiste H. Anfang der 2000er Jahre von Israel nach Nordeuropa und ließ sich im dänischen Fakse von der NGO "DRH Lindersvold" zum Entwicklungshelfer ausbilden. Dort galt er als freundlicher Student, arbeitete im Rahmen der Ausbildung mit jungen Gewalttätern zusammen und spielte leidenschaftlich Fußball. Später bereiste er mit diversen NGO's viele Länder in Afrika, darunter Ghana, Tanzania, Südafrika und Zambia. Er ließ sich mit befreundeten Musikern im ghanaischen Akuma, beim Wandern auf dem Tafelberg in Südafrika und am Kigamboni-Strand in Tanzania fotografieren. Auch ehemalige Kollegen in Großbritannien, Dänemark und Spanien bestätigten gegenüber dem Blog seine früheren Tätigkeiten.

Umso mehr suchten Rami H.'s Familie, Freunde und ehemalige Weggefährten seit seinem Verschwinden nach Antworten für dessen Radikalisierung. "Das frage ich mich, relativ verstört, seit Jahren. Ich habe viel darüber nachgedacht und keine Antwort darauf gefunden", äußerte sich eine deutsche Bekannte gegenüber dem Blog. Offenbar knüpfte H. später in Deutschland Kontakte zu Personen aus dem salafistischen Milieu. In Osnabrück und vor allem in Göttingen sind diese sehr gut vernetzt. Ob Rami H. in dieses breite Netzwerk miteingebunden war und womöglich zunächst mit einer Hilfsorganisation nach Syrien ging, ist derzeit unklar. Seine Abneigung gegenüber Israel und den arabischen Autokratien sowie einem ausgeprägten Faible für apokalyptische Prophezeiungen und Verschwörungstheorien blieb Teilen seines Umfelds aber nicht verborgen. Die Beziehung zu seiner deutschen Frau hatte der Mann vor der Ausreise beendet.

In den letzten Monaten meldete sich Rami H. immer wieder auf der Plattform Facebook zurück, um sein Umfeld zu beruhigen. Ihm gehe es gut und niemand solle sich um ihn Sorgen machen.

H. gehörte zu einer recht kleinen Gruppe von arabischen Israelis, die sich dem IS angeschlossen hatten. Der israelischen Regierung gelang es in den vergangenen zwei Jahren viele Familien an ihrer Ausreise nach Syrien zu hindern. Trotz dessen gab es dort in der Vergangenheit mehrere Anschläge, die dem IS zugerechnet wurden. Innenminister Arye Deri ordnete im August dieses Jahres an, den geschätzt 20 noch aktiven IS-Kämpfern in Syrien die israelische Staatsangehörigkeit zu entziehen. Ob auch H. zu dieser Gruppe gehörte oder er über einen deutschen Pass verfügte, ist ebenfalls unklar.