Samstag, 4. November 2017

Die Rückkehr der Frauen: "Meine Kinder und Ich"




Der Islamische Staat (IS) steht in Syrien und im Irak kurz vor dem totalen Zusammenbruch. Viele Jihadisten aus Deutschland wollen nun zurückkehren. Vor allem die Frauen standen die letzten Monate im Fokus der Öffentlichkeit. An ihnen scheiden sich die Geister. Über tradierte Geschlechter-Klitschees, Verantwortlichkeiten und Konsequenzen.

Es sind dramatische Sätze, die Nadja Ramadan vor ein paar Wochen in einem Video der "Zeit" an die deutsche Bundesregierung richtete. Ihr Gesicht verborgen unter einem Nikab und mit einem Kleinkind auf dem Schoß, bettelte die 31-Jährige um die Rückkehr nach Deutschland. "Liebe Frau Merkel [...], bitte, ich brauche ihre Hilfe, bitte helfen sie uns."

Seit Juli sitzt die in Landshut geborene Frau gemeinsam mit ihren zwei Kindern in einem Gefangenenlager im Norden Syriens. Die Lage sei "sehr schlimm", erzählte sie in dem knapp zweiminütigen Film. Ihre zwei Kinder seien dauernd krank, sie und ihr Sohn bräuchten psychologische Behandlung. Sie wolle so schnell wie möglich wieder nach Deutschland zurück. "Ich möchte, dass meine Kinder ganz normal aufwachsen wie alle Kinder, dass meine Kinder in den Kindergarten gehen, dass meine Kinder in die Schule gehen, ich möchte meine Kinder ordentlich behandeln lassen von Ärzten, mein Sohn braucht eine Therapie."

"Hilferuf an die Kanzlerin": Nadja Ramadan (Die Zeit)
Und zuletzt beteuerte sie: "Sie brauchen vor mir überhaupt keine Angst zu haben. Ich bin überhaupt nicht gefährlich und keine Terroristin, ich habe einen Fehler gemacht und bin hergekommen."

Es sind zwei entscheidende Sätze. Denn Nadja Ramadan weiß wohl nur zu gut, wie schwer es mittlerweile geworden ist, in eine Gesellschaft zurückzukehren, die durch den Terror derjenigen Organisation politisch so durcheinander gewirbelt wurde, der sie sich im Jahr 2014 angeschlossen hatte.

Die Angst vor dem IS-Terror ist in Europa omnipräsent und die Folgen überall zu beobachten. "Weg den Dreck in die Wüste!", "Erst Ungläubige töten wollen jetzt Hilfe einfordern" und "Wer braucht die hier" sind nur drei von tausenden Reaktionen in sozialen Netzwerken, die zeigen, wie der Hilferuf einer Jihadistin in der mittlerweile stark polarisierten deutschen Gesellschaft ankommt. Noch dazu scheint Nadja Ramadan nicht einmal reumütig zu sein. Gegenüber der "Zeit" erklärte sie nämlich auch, dass der IS den Krieg verliere, weil er nur nicht streng genug gewesen sei. Einem SPIEGEL-Korrespondenten soll sie zudem gesagt haben: "Die Zeit unter IS-Herrschaft war die beste Zeit meines Lebens."

Eine Frau, die sich über ihr Schicksal beklagt, jedoch nicht dazu bereit scheint, sich von der verantwortlichen Organisation klar zu distanzieren. Wirkt so jemand glaubwürdig? 

Tradierte Vorstellungen von Geschlechterrollen

Es ist dieses Dilemma, vor dem der deutsche Staat und die Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des IS-Kalifats nun stehen. Immer mehr Frauen, die nach Syrien in den Jihad zogen, drängen nun auf ihre Rückkehr. Doch wie soll man umgehen mit ihnen, die sich zuvor einer totalitären Ideologie und einer mordenden Organisation unterworfen haben? Wer von ihnen ist tatsächlich Überzeugungstäterin gewesen, wer nur eine Mitläuferin? Und ist es wirklich die Einsicht oder einfach nur eine rationale Überlebensstrategie, die sie nach Hause treibt? Schwierige Fragen, auf die selbst Sicherheitsbehörden, Psychologen oder Elternberater nicht immer die richtigen Antworten finden. Vor allem in diesen Wochen, in denen viele über die deutschen Frauen diskutieren.

So mancher neigt dabei aufgrund latent tradierter Vorstellungen der Geschlechterrollen zu vereinfachten Aussagen. Zum Beispiel solche, dass Frauen im Jihad emotional, körperlich und materiell von ihren Ehemännern abhängig seien und dazu gezwungen würden sich deren Entscheidungs- und Verfügungsgewalt gemäß der salafistischen Ideologie zu unterwerfen. Eine empirische Evidenz mag dieser Beobachtung auch durchaus zu Grunde liegen. Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass nicht wenige ausgereiste Frauen auch "Dreck am Stecken haben", wie es eine erfahrene Beobachterin gegenüber dem Blog einmal formulierte.

Leverkusener Mario S.
Viele Frauen beim IS, aber auch bei anderen jihadistisch motivierten Rebellengruppen in Syrien, waren eben nicht nur devote und unsichere Dienerinnen, deren Gestaltungsmöglichkeiten sich bloß auf häusliche Pflichten beschränkten. Sie arbeiteten als Propagandistinnen und Übersetzerinnen, fungierten als emotionale Kraft- und Motivationsquellen ihrer Ehemänner, übernahmen auch untere Administrativfunktionen und standen nicht zuletzt hinter der streng-konservativen und militanten Erziehung ihrer Kinder. Vereinzelt griffen sie auch zur Waffe oder beteiligten sich an Entführungen. Sie unterstützten den IS und al-Qaida damit aktiv bei ihren Versuchen sich als politische und gesellschaftliche Akteure im Nahen Osten zu etablieren. 

Dabei handelte es sich mitnichten nur um eine emotionale Reaktion auf eine kriegsbedingte Ausnahmesituation. Denn für viele Frauen bedeutete die Ausreise nach Syrien und das Leben im Jihad eine Emanzipation, ob von den Eltern, der deutschen Gesellschaft oder vom Rest der muslimischen Gemeinschaft. Genauso wie die männlichen Jihadisten fühlten sie sich einer religiösen Avantgarde zugehörig, die am Wiederaufbau eines islamischen Staates beteiligt ist. Und so verhielten sich dann viele Frauen auch anders als die Salafistinnen, die nicht nach Syrien gezogen waren. Neben den traditionellen Aufgaben (Familie, Haushalt), die ihnen die Terrororganisationen zugedacht hatten, sollten und wollten sie sich auch am Projekt Jihad aktiv beteiligen. Selbst die "Küken", die vor ihrer Ausreise religiös und in der Salafismus-Szene nur geringfügig vernetzt waren, inszenierten sich in Syrien zuweilen als weibliche Bin Ladens. Was könnten die Gründe dafür sein?
 
Geschlechterspezifische Gruppendynamik

In der Salafismus-Szene (freilich nicht nur dort) herrschen in der Regel klare Rollenverteilungen zwischen Männern und Frauen. Innerhalb der Gruppe sind letztere diejenigen, die sich den Männern zu fügen und sich im Hintergrund zu halten haben, ob im Familiengefüge, in der Moschee, in Vereinen oder in der Öffentlichkeitsarbeit. Emanzipatorische Bestrebungen oder Mitbestimmung in den Männerdomänen sind meistens tabu, weil die Frauen selbst Gender-Gleichstellung als Produkt westlichen Wertezerfalls ansehen. Sie gefallen sich also in der passiven Rolle. Einzelne erfahrene Frauen nehmen wenn überhaupt pro forma Repräsentativfunktionen ein. Ein Beispiel ist die Schweizerin Nora Illi, die "Frauenbeauftrage" des dortigen "Islamischen Zentralrats" (IZRS).

Ermahnungen unter Frauen (Telegram)
Es gibt für Frauen aber in anderen Umfeldern durchaus Entfaltungsmöglichkeiten. Parallel zu den von Männern dominierten Räumen existieren auch weibliche Netzwerke, Zusammenschlüsse oder Gruppen, die sich im Internet oder in städtischen Moscheengemeinden bilden. Hier können sie sich zu religiösen und alltäglichen Fragen austauschen, aber auch Einfluss aufeinander nehmen.

Dabei herrschen unter den Frauen genauso wie bei den Männern rangdynamische Positionsverteilungen. Es gibt Frauen, die sich als Anführerinnen durchsetzen, indem sie gegenüber den anderen "Ukhtis" (Schwestern) dominant und autoritär auftreten. Sie antizipieren dabei das überzeichnete Selbstbild der Männer (Ehrgefühl, religiösen Elitarismus, Partriarchat). Sie wechseln von ihrer passiven Rolle in der Beziehung zum Mann in die aktive gegenüber den anderen Frauen. Denn in ihrer Machtposition, das lehrt sie der Salafismus und auch die traditionellen Familienstrukturen, können sie über Befehle auch Gehorsam erzwingen.

Vor allem die erfahreneren Frauen nehmen anfangs diese Machtposition ein. Sie sind ideologisch (nicht notwendigerweise religiös) geschult und nutzen dabei die raffinierten Manipulationstechniken und Verhaltensweisen wie die ihrer männlichen Kollegen: Sie spielen sich als religiöse Gelehrte auf, drängen den Schwächeren ihre Meinung und Entscheidungen auf und fungieren zugleich als ihre Ansprechpartnerinnen in emotionalen Angelegenheiten. Schwach sind die unerfahreneren Frauen, meistens Konvertitinnen und Mädchen, die sich von ihnen anleiten lassen.

Dadurch nimmt die Radikalisierungsdynamik erst an Fahrt auf. Auffällig dabei ist: Die Mitläuferinnen übernehmen mit der Zeit den Habitus ihrer Anführerinnen. Sie versuchen ihre Sprache und ihr Auftreten nachzuahmen.

Münchnerin Elif Ö.
Im Fall Syrien kam es schließlich vielfach dazu, dass Frauen im Kriegsgebiet in die Rolle solcher "Alphas" schlüpften. Denn die Reise in den Jihad reichte mitunter allein aus, dass sie ein großes Selbstvertrauen entwickelten, ja fast in einen Rausch verfielen, und sich untereinander auch noch permanent darin bestätigten.

Ausgereiste wie die junge Münchnerin Elif Ö., die aus Bad Breisig stammende Sevda I. oder die berüchtigte Kölnerin Mine K. wurden so zu prominenten Propagandistinnen und Rekrutiererinnen der deutschen IS-Gemeinde. Das gleiche gilt auch für Frauen bei anderen Islamistengruppen in Syrien. "Es ist ein Geschenk hier sein zu dürfen, samt Vor- und Nachteile", äußerte sich vergangenes Jahr eine Jihadistin gegenüber "Erasmus Monitor". Mit ihrem Ehemann war sie 2013 nach Syrien gereist und hatte sich einer al-Qaida nahen Rebellengruppe angeschlossen. Er starb im Kampf, sie agitierte weiter für den Jihad unter anderem auf einem Blog. Ob Rezepte für russischen Zupfkuchen, "syrische Brownies" oder "Deutsch-syrische Spätzle", ob Märtyrerverehrungen und das Schimpfen auf den Westen: Die Frauen wussten, wie sie ihre Geschlechtsgenossinnen erreichen konnten.

Ihr Duktus unterschied sich dabei nur geringfügig von dem ihrer männlichen Pendants. Im Zusammenspiel der Geschlechter gelang es den Jihadisten ein System der Beeinflussung zu schaffen, das mittels eigener Sprachregelungen gezielt an die Emotionen potenzieller Rekruten andockte. Dutzende Frauen aus Deutschland ließen sich so trotz täglicher Medienberichte, Warnungen und nicht zuletzt trotz familiärer Verpflichtungen ködern.

Elternrolle kein Hinderungsgrund

Laut einer Studie von BKA, BfV und HKE im Jahr 2016 lag der Anteil von Frauen, die sich Jihad-Gruppen in Syrien bis zu diesem Zeitpunkt angeschlossen hatten, bei insgesamt 21 Prozent. Mehr als die Hälfte von ihnen, 55 Prozent, waren zum Zeitpunkt ihrer Ausreise nach Syrien bereits Mütter. Viele nahmen ihre Kinder mit in die Kriegsgebiete, brachten sie dort zur Welt oder ließen sie zu Hause zurück. Die meisten Frauen wussten also sowohl vor als auch nach ihrer Ausreise, welchen Risiken sie ihren Nachwuchs aussetzen würden. Ihnen musste genauso klar gewesen sein, welche Schreckensregime die Rebellengruppen aufgebaut hatten und dass im gesamten Land Kämpfe stattfanden, denen bereits zahlreiche Kinder der selbsternannten Gotteskrieger zum Opfer gefallen waren.

Hadith
So meinten auch die Sicherheitsbehörden 2016, "dass die These, eine Elternrolle könne möglicherweise insbesondere bei Frauen einen Hinderungsgrund darstellen, in Richtung Syrien bzw. Irak auszureisen, keine Bestätigung findet, sondern dass stattdessen Frauen gerade auch mit Kindern in das Gebiet des Islamischen Staates ausreisen." Und in der Tat: Auch gegenüber "Erasmus Monitor" ließen sich Jihadistinnen in Zeiten des Erfolgs selten auf kritische Überlegungen zur Situation ihrer Kinder ein. "Ja, es sterben überall Menschen. Sie werden auch sterben, zu ihrem Zeitpunkt. Alle, auch meine Kinder und Ich", sagte eine Frau dem Blog. Der Alltag sei schön, nur eben anders als in Deutschland.

Auch wenn  die Ehemänner oder zukünftigen Gemahlen bei den Entscheidungen (ob Ausreise oder Rückkehr) häufig eine dominantere Rolle gespielt haben dürften, stellten die Frauen ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse (Liebe, Idealismus) de facto über das Wohl ihrer Kinder. Das taten sie bewusst, genauso wie sie ihre konspirativen Reiseplanungen in den Jihad in der Regel penibel vorbereitet und in die Tat umgesetzt hatten. Für die eigene Gewissensentlastung sorgten die von den Jihadisten instrumentalisierten Koranzitate und Hadithe (Überlieferungen) mit dem Versprechen vom Paradies. Eine gern wiedergegebene Hadith von Abu Huraira lautet: "Immer wieder wird der Gläubige, ob Mann oder Frau, geprüft werden, am eigenen Leib, an seinen Kindern und an seinem Besitz, bis er Allah, dem Erhabenen, ohne Sünde gegenübersteht" (Abu Huraira, Riyad us-Salihin I, 3).

Dass Frauen auch unabhängig von unmittelbaren Einflüssen der Männer den Weg ins Elend wählten, verdeutlichen drei Fälle aus der jüngeren Vergangenheit. Im Juli dieses Jahres wurde die Nürnbergerin Dana Maria L. wegen Kindesentziehung zu drei Jahren Haft verurteilt, weil sie ohne das Wissen ihres Ehemannes mitsamt ihren vier minderjährigen Kindern nach Syrien zum IS gereist war. Auch die Berlinerin Layla Z. hatte 2014 gegen den Widerstand ihres Mannes die gemeinsamen drei Kleinkinder nach Syrien verschleppt. 2015 sorgte der Fall "Erkan" bundesweit für Schlagzeilen. Auch hier hatte eine Frau, in diesem Fall die Tante, eigenmächtig versucht ihren erst 13-jährigen Neffen mit nach Syrien zu nehmen. Dieser hatte sich zuvor von der westlich lebenden Mutter abgewendet. Die Tante nahm den Jungen nach und nach für sich ein und bestärkte ihn in seiner ablehnenden - machohaften - Einstellung ihrer Schwester gegenüber bis - im Zusammenspiel mit anderen Salafisten - auch er den vermeintlichen Traum eines "islamischen Lebens" im Kalifat hegte.

Kinder beim IS
Erst als das Chaos innerhalb des IS ausbrach, als die klaren Befehlsstrukturen und damit auch der soziale Ordnungsrahmen auseinanderfielen, setzten bei vielen Jihadistinnen Orientierungslosigkeit und Unsicherheit ein. Der Überlebenswille trat an die Stelle der Loyalität. Eine ideologische Distanzierung musste gar nicht die Voraussetzung dafür sein. Denn die vielen Interventionsversuche durch verzweifelte Eltern, Freunde, Behörden und Beratungsstellen in den letzten Jahren hatten nur in den wenigsten Fällen tatsächlich zum Erfolg geführt. Insgesamt ließen sich bis Ende 2016 nur etwa 10 Prozent der bis dahin rund 300 nach Deutschland zurückgekehrten Männer und Frauen vom Bitten und Flehen ihrer Angehörigen erweichen. Nur 13 Prozent aller gezählten Jihad-Rückkehrer waren überhaupt Frauen, auch wenn die Sicherheitsbehörden bei ihren Analysen nicht ausschlossen, dass die Ehemänner dabei einen Hinderungsgrund darstellten.

Doch die heutige Situation gestaltet sich umso schwieriger: Die Kinder der Jihadistinnen werden nach den Traumata und Wunden des Krieges nun auch zu deren Faustpfand. Dabei ist es unerheblich, ob die vielen Mütter rational kalkuliert oder aus einem wiederentdeckten Verantwortlichkeitsgefühl agieren. Die natürliche Abhängigkeit der Kinder von ihren Müttern bringt letztere ohne Zweifel in eine komfortable Verhandlungsposition gegenüber ihrem Herkunftsstaat.

Denn obgleich sich hierzulande die Sichtweisen auf Geschlechterrollen durch die feministische Bewegung in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben, gelten Frauen und vor allem Mütter im Vergleich zu Männern nach wie vor als das "schwache" Geschlecht, ob in justiziellen Angelegenheiten, in den Jugendämtern oder in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Wie der Investigativjournalist Florian Flade erst kürzlich berichtete, wurden in Deutschland bislang nur zwei Jihadistinnen für ihre Aktivitäten bei den als terroristisch eingestuften Organisationen in Syrien verurteilt. Von derzeit 900 laufenden Strafverfahren in diesem Zusammenhang, richte sich nur eine sehr kleine Anzahl gegen Frauen. Die Schwächen des deutschen Systems dürften auch in Syrien nicht unbemerkt geblieben sein.