Wege in den Djihad: Todenhöfer traf deutschen ISIS-Kämpfer Christian Emde



Der deutsche Publizist und ehemalige CDU-Abgeordnete Jürgen Todenhöfer sorgte in den vergangenen Tagen für weltweite Schlagzeilen. Der "Guardian", die "New York Times" und die "BBC" berichteten über die zehntägige Reise des 74-Jährigen zum Islamischen Staat (IS/ISIS) in Syrien und Irak. Todenhöfer, der für ein neues Buch recherchiert, wollte sich durch Gespräche mit ISIS-Anhängern und eigenen Eindrücken ein Bild von der brutal agierenden Terrororganisation machen. Nicht ohne Stolz berichtete er auf seiner Facebook-Seite, er sei wohl der erste westliche Publizist, der den IS habe besuchen können. Bei seiner Reise begegnete Todenhöfer vielen ISIS-Anhängern und sprach mit ihnen über ihre Motive. 
In Mosul schließlich traf er auch einen Deutschen, der mittlerweile in der Armee der selbsternannten Gotteskrieger eine hohe Stellung eingenommen haben könnte. Im Gespräch offenbarte der Deutsche die auf Vernichtung ausgerichtete ISIS-Ideologie: Man werde mit der Waffe nach Europa kommen. Es sei nur eine Frage des "Wann", und nicht des "Ob" oder "Wie". Jeder, der sich nicht zum Islam bekehren ließe, werde getötet. "Dies können 150, 200 oder 500 Millionen Menschen sein, ganz egal!" Auch seien das Halten von Sklaven und das Enthaupten von Menschen legitime Praktiken des Islams. 

Englischen und deutschen Quellen zufolge handelt es sich bei dem korpulenten Mann um den deutschen Salafisten Christian Emde alias Abdul Malik (Pseudonym kann mittlerweile abweichen) aus Solingen/Düsseldorf. Wie Todenhöfer gegenüber CNN berichetete, hatte er mehrere Wochen lang mit Emde per Skype kommuniziert und ihn zu seinen Überzeugungen befragt. Als "eloquent" habe er ihn empfunden, der sehr viel wissen würde, so Todenhöfer.

Aus dem Kreise der Solinger Salafisten

Masjid ar-Rahma Moschee
Der 30-jährige ist bei den deutschen Geheimdiensten kein unbeschriebenes Blatt. Emde konvertierte 2003 zum Islam und radikalisierte sich im Umfeld der kleinen Moschee-Gemeinde "Deutsch-Islamisches Zentrum" in der Solinger Innenstadt. Dort lehrten besonders radikal-salafistische Prediger wie Ibrahim Abou Nagie ("Die Wahre Religion"), Pierre Vogel und Abu Abdullah. In der Moschee lernte er auch den späteren Selbstmordattentäter Robert Baum alias Abdul Hakim kennen. Baum selbst war nur durch Zufall mit dem Islam in Berührung gekommen: Eine Frau habe einen Flyer islamischer Missionierer seinem Bruder gegeben, dieser wiederum gab diesen an ihn weiter. "Ich habe dann begonnen, mich mit dem Islam zu beschäftigen". Sowohl Emde als auch Baum glitten in die Welt des radikalen Salafismus ab.Sie reisten mehrere Male nach Ägypten, um in Sprachschulen Arabisch zu lernen. Dabei traten sie mit anderen radikalen Islamisten in Kontakt.

Salafistenprediger Abou Nagie in Solingen
Statt zu Hause bei ihren Eltern, übernachteten sie nun lieber in der Masjid ar-Rahma Moschee und verbrachten auch dort größtenteils ihren Alltag mit Gebeten und Dawa-Aktionen. Emde hatte beim Solinger Einwohnermeldeamt sogar die Adresse der Moschee als seinen Wohnsitz angegeben. Der Verfassungsschutz begann die beiden aufgrund eines Tipps von Roberts Mutter zu beobachten, die sich wegen der zunehmenden Radikalisierung ihres Sohnes ängstigte.


Emdes Name am Briefkasten der Moschee
Irgendwann gerieten die beiden jungen Männer in den Sog des internationalen Djihads. Mit großen Mengen von djihadistischem Datenmaterials und Bauanleitungen für Bomben wurden die beiden schließlich im Juli 2011 in Dover/England von der britischen Polizei festgenommen. Die deutschen Behörden hatten aufgrund der komplexen Gesetzeslage die Briten gebeten, die Verhaftung der beiden auf englischem Boden vorzunehmen. 

In ihrem Gepäck fand sich einschlägiges
Christian Emde
Robert Baum
Material wie das Magazin 'Inspire' mit Artikeln wie "Wie baue ich eine Bombe in der Küche meiner Mutter" und das Buch mit dem Titel "44 Wege zum Djihad". Vermutlich wollten Emde und Baum damit befreundete Islamisten in London besuchen. 
Der damalige Anwalt von Baum, Burkard Benecken, behauptete später, dass die beiden nicht alleine agiert hätten. Die salafistischen Prediger Abou Nagie und Pierre Vogel sollen nach Darstellung von Benecken Robert und Christian instruiert haben. Der Vater von Christian Emde sagte damals noch: "Christian ist kein Terrorist." - Er hatte sich wohl getäuscht.

Im Gefängnis unter Brüdern

Nachricht von Emde
Robert und Christian wurden zunächst in das Hochsicherheitsgefängnis in Belmarsh inhaftiert, wo viele Terrorverdächtige einsitzen. Dort nutzten die beiden die Zeit für das vertiefte Studium des Koran und knüpften neue Kontakte zu anderen Islamisten. "Ich war mit beiden dort. Belmarsh. Allahu Akbar. Sie sind gute Brüder gewesen und waren sehr gutherzig.", weiß im Nachhinein der englische Konvertit Abdullah Deen zu berichten, Mitglied der Extremistengruppe "Need4Khilafah", die vom britischen Geheimdienst beobachtet wird. Deen war nach eigener Aussage wegen Waffenbesitzes in Belmarsh inhaftiert gewesen. Zwar begegnete er Emde und Baum nur kurz, jedoch schwärmt er heute noch von ihrer "Demut" und ihrem "makellosen Charakter". Ihre Reden beim gemeinsamen Freitagsgebet im Gefängnis seien zwar sehr wortkarg gewesen, jedoch hätten sie bei ihm und den anderen Häftlingen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Andere britische Islamisten organisierten Telefonkarten, Nahrungsmittel und Geld für die beiden Inhaftierten. Sie schickten sich Briefe und sprachen sich gegenseitig im Namen "Allahs" Mut zu. "Mir geht es gut", teilte Robert Baum einem Kontaktmann in einem Brief mit. "Ich hatte einen guten Ramadan und nun teile ich die Zelle mit meinem deutschen Bruder. Endlich Deutsch sprechen, alhamdulillah".
Emde und Baum saßen noch mehrere Monate in Untersuchungshaft, bis sie schließlich im gleichen Jahr von einem Londoner Gericht verurteilt wurden. Emde bekam 16 Monate, Baum 12 Monate Haft auf Bewährung. Die beiden wurden nach mehreren Monaten Haft schließlich nach Deutschland abgeschoben.

"Resozialisierung" im Kreise von Millatu Ibrahim

Von Links: Keskin, Emde, Baum
"Lies"-Aktion: C. Emde
Zurück in Solingen blieben Emde und Baum weiter zusammen und schlossen sich im Frühjahr 2012 dem von Mohamed Mahmoud gegründeten Jugendverein "Millatu Ibrahim" an. Dort beteiligten sie sich an den von reichen Mäzen aus den Golf-Ländern und aus Spenden finanzierten "Lies"-Aktionen, die in vielen Großstädten in Europa kostenlos Korane an die Passanten verteilen. Mehrere Bildaufnahmen zeigen Emde, Baum und Hasan Keskin alias 'Abu Ibrahim' bei Koranverteilungen in Solingen. Keskin gilt als ein enger Vertrauter und ideologischer Bruder Mohamed Mahmouds alias 'Abu Usama al-Gharib' sowie Denis Cuspert alias 'Abu Talha al-Almani'. In dieser Gesellschaft war es dann auch nicht verwunderlich, warum Emde und Baum sich noch weiter radikalisierten. Mitte 2012 folgte dann der Schlag der deutschen Behörden gegen den Verein. Spezialeinheiten der Polizei durchsuchten Wohnungen und Gebetsräume in Solingen. Innenminister Hans-Peter Friedrich ordnete das Verbot von Millatu Ibrahim an. 

Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert setzten sich daraufhin genauso wie viele andere ehemaligen Vereinsmitglieder nach Ägpten ab und versuchten von dort aus weiterhin ihre islamistische Propaganda zu verbreiten. Viele von ihnen reisten dann weiter über die Türkei nach Syrien und schlossen sich zunächst syrischen Extremistengruppen an, bevor sie sich dann in den Dienst der ISIS stellten. Emde und Baum sollen kurze Zeit später in einer Gruppe von zehn Personen schließlich über die grenznahe Stadt Reyhanli in der türkischen Provinz Hatay nach Syrien eingereist sein. Zwei Mitglieder von dieser deutschen Gruppe sollen bereits getötet worden sein. Darunter ist auch Emdes Freund Robert: 

Selbstmordattentäter Robert Baum
Dieser sprengte sich im Januar 2014 als "Uthman al-Almani" in der zentral-syrischen Stadt Homs in die Luft und soll dabei Dutzende syrische Soldaten mit in den Tod gerissen haben.
Christian Emde reiste wohl von Syrien weiter in den Irak.
In der Großstadt Mosul soll Ex-Rapper Denis Cuspert eine Brigade namens "Millatu Ibrahim" anführen, in der zahlreiche deutsche Kämpfer dienen sollen. Möglicherweise schloss sich Emde dieser Gruppe an und konnte als erfahrener Djihadist mittlerweile in den ISIS-Rängen aufsteigen.

Im Gespräch mit Todenhöfer brachte Christian Emde klar zum Ausdruck, dass auch er jederzeit bereit ist, den gleichen Weg seines Freundes Robert zu gehen und sich für das Ziel eines islamischen Kalifats zu opfern.